Damit, liebe Geschwister, haben wir den Brief des Apostels Paulus an Titus durchschritten. Paulus warnt vor unnützen Streitigkeiten und mahnt zur Absonderung von Irrlehrern. Er schließt mit persönlichen Anweisungen und dem Segen der Gnade für die Gemeinde.

Titus 3,9-15: „Von törichten Fragen aber, von Geschlechtsregistern, von Zank und Streit über das Gesetz halte dich fern; denn sie sind unnütz und nichtig. Einen ketzerischen Menschen meide, wenn er einmal und noch einmal ermahnt ist, und wisse, dass ein solcher ganz verkehrt ist und sündigt und sich selbst damit das Urteil spricht. Wenn ich Artemas oder Tychikus zu dir senden werde, so komm eilends zu mir nach Nikopolis; denn ich habe beschlossen, dort den Winter über zu bleiben. Zenas, den Rechtsgelehrten, und Apollos rüste gut aus zur Reise, damit ihnen nichts fehle. Lass aber auch die Unseren lernen, sich hervorzutun mit guten Werken, wo sie nötig sind, damit sie kein fruchtloses Leben führen. Es grüßen dich alle, die bei mir sind. Grüße alle, die uns lieben im Glauben. Die Gnade sei mit euch allen!“

Wir sind am Ende des Briefes an Titus angelangt. Paulus hat die großen theologischen Wahrheiten entfaltet – die Gnade Gottes, die erschienen ist, die Wiedergeburt durch die Taufe, die Rechtfertigung durch den Glauben. Er hat die praktischen Anweisungen für das Leben der Gemeinde gegeben – wie sich die verschiedenen Gruppen verhalten sollen, wie das soziale Miteinander aussehen soll, wie die Beziehung zur Obrigkeit zu gestalten ist.

Nun kommt er zu den abschließenden Ermahnungen, zu persönlichen Mitteilungen und zum Segenswunsch. Auch dieser letzte Abschnitt ist nicht nebensächlich, sondern enthält wichtige Hinweise für das Leben der Gemeinde und für den Dienst des Titus.

Paulus beginnt mit einer Warnung: „Von törichten Fragen aber, von Geschlechtsregistern, von Zank und Streit über das Gesetz halte dich fern; denn sie sind unnütz und nichtig.“ Mit diesen Worten wendet sich der Apostel gegen bestimmte Tendenzen, die offenbar auf Kreta (und nicht nur dort) eine Gefahr für die Gemeinden darstellten. Es sind theologische Streitfragen, aber solche, die nicht zur Erbauung dienen, sondern zur Verwirrung und Spaltung.

Törichte Fragen sind Fragen, die keinen geistlichen Gewinn bringen, die am Wesentlichen vorbeigehen, die sich in Details verlieren. Paulus warnt auch an anderer Stelle davor. An Timotheus schreibt er: „Die törichten und unverständigen Fragen aber weise ab, denn du weißt, dass sie nur Streit erzeugen“ (2. Timotheus 2,23). Es gibt eine Art von theologischem Diskutieren, das nicht der Wahrheit dient, sondern der Selbstdarstellung, der intellektuellen Spielerei, der Rechthaberei. Solche Fragen führen nicht zur Erkenntnis Gottes, sondern in die Irre.

Übertragen auf die heutige Situation – besonders in den sozialen Medien und in kirchlichen Debatten – zeigt sich, wie aktuell Paulus’ Warnung ist. Unzählige Diskussionen drehen sich nicht um Christus, nicht um das Evangelium, nicht um die Heiligung des Lebens, sondern um Nebensächlichkeiten, Randthemen, Identitätsfragen, kirchenpolitische Lagerbildung oder persönliche Befindlichkeiten.

In den Kommentarspalten wird gestritten, belehrt, korrigiert, attackiert – oft mit einer Schärfe, die dem Geist Christi diametral entgegensteht. Auch in kirchlichen Gremien und theologischen Diskursen verlieren sich viele in Detailfragen, die zwar intellektuell reizvoll sein mögen, aber geistlich kaum Frucht bringen. Statt Erbauung entsteht Polarisierung; statt Klarheit wächst Verwirrung; statt Liebe herrscht Rechthaberei.

Paulus’ Mahnung ist deshalb hochaktuell: Meide das, was nur Streit erzeugt – und halte dich an das, was Christus groß macht und die Gemeinde aufbaut.

Geschlechtsregister waren in den judenchristlichen Gemeinden nicht bloß harmlose Stammbäume, sondern ein geistliches Ablenkungsmanöver. Man stritt darüber, wer aus welcher Linie stammte, welche genealogische Verbindung welche Bedeutung hatte, und ob bestimmte Abstammungen geistliche Autorität verliehen. Solche Diskussionen wirkten fromm, doch sie führten weg vom Zentrum des Evangeliums. Denn das Evangelium gründet nicht auf natürlicher Herkunft, sondern auf der neuen Geburt aus Wasser und Geist.

Paulus stellt klar: Nicht die biologische Linie rettet, sondern Gottes Gnade. Wer sich in Geschlechtsregistern verliert, verliert Christus aus dem Blick. Paulus schreibt an die Römer: „Denn nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist, auch ist nicht das die Beschneidung, die äußerlich am Fleisch geschieht; sondern der ist ein Jude, der es inwendig verborgen ist, und das ist die Beschneidung des Herzens, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht“ (Römer 2,28-29).

Übertragen auf heute zeigt sich die gleiche Dynamik – nur mit anderen Themen. Statt genealogischer Streitigkeiten entzünden sich Debatten an Fragen wie: Dürfen Frauen predigen? Wie verhält sich die Kirche zur Gender-Debatte? Welche Position soll sie zur queeren Identitätspolitik einnehmen?

Diese Themen sind nicht unwichtig, aber sie werden oft zu Schlachtfeldern, auf denen erbittert gekämpft wird, bis hin zur Spaltung. In sozialen Medien, kirchlichen Gremien und theologischen Diskursen stehen diese Konflikte häufig mehr im Vordergrund als Christus selbst. Man verteidigt Positionen, Lager, Ideologien – und verliert dabei die Mitte des Glaubens.

Paulus’ Warnung ist deshalb hochaktuell: Meide das, was nur Streit erzeugt, und halte dich an das, was Christus groß macht und die Gemeinde aufbaut.

Zank und Streit über das Gesetz war ein weiteres großes Problem. Die Frage nach der Geltung des mosaischen Gesetzes für die Heidenchristen hatte die frühe Kirche von Anfang an beschäftigt. Das Apostelkonzil in Jerusalem hatte diese Frage grundsätzlich entschieden (Apostelgeschichte 15), aber offenbar gab es immer wieder Versuche, den Heidenchristen die Beschneidung und die Einhaltung des jüdischen Gesetzes aufzuerlegen. Paulus hatte im Galaterbrief diese Irrlehre scharf bekämpft: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Galater 5,1).

Der Streit über das Gesetz war gefährlich, weil er das Wesen des Evangeliums antastete, weil er Christus nicht genug sein ließ, weil er zur Gnade die Werke addieren wollte.

Von all diesen Dingen soll sich Titus fernhalten. Nicht dass er sie nicht kennen sollte, nicht dass er sich nicht damit auseinandersetzen sollte, aber er soll sich nicht hineinziehen lassen in endlose Debatten, die zu nichts führen. „Denn sie sind unnütz und nichtig.“ Unnütz bedeutet: sie bringen keinen Gewinn, sie fördern nicht, sie bauen nicht auf. Nichtig bedeutet: sie sind ohne Substanz, ohne Gehalt, ohne Wert. Paulus ist hier sehr deutlich.

Es gibt theologische Fragen, die wichtig sind, die geklärt werden müssen, über die man ringen muss. Aber es gibt auch Fragen, die man beiseitelassen muss, weil sie nur Schaden anrichten.

Die Gemeinde braucht nicht endlose Diskussionen über Nebensächlichkeiten, sondern die klare, unverstellte Verkündigung des Evangeliums. Sie braucht keine hitzigen Debatten über genealogische Details, sondern die Lehre von der Wiedergeburt und dem neuen Leben in Christus. Sie braucht keinen Zank über das Gesetz, sondern die befreiende Botschaft der Gnade.

Das heißt nicht, dass schwierige Fragen tabu wären oder dass die Kirche sich intellektuell abschotten müsste. Es bedeutet, dass wir lernen müssen, geistlich zu gewichten: das Entscheidende vom Nebensächlichen zu trennen, die Mitte des Evangeliums von allen Randthemen, Christus selbst von all dem Lärm, der ihn übertönt. Es heißt, dass wir unsere Aufmerksamkeit neu ordnen: das Herzstück des Glaubens festhalten, die Randfragen zurückstellen und Christus wieder in den Mittelpunkt rücken – fern von allem Lärm, der uns von ihm wegzieht.

Eine Gemeinde, die sich in Nebensächlichkeiten verliert, bindet ihre Kraft an das Falsche – und verfehlt ihren Auftrag. Eine Gemeinde aber, die das Evangelium in den Mittelpunkt stellt, wird geistlich gesund, fruchtbar und klar.

Und dann kommt Paulus zu einer noch ernsteren Warnung: „Einen ketzerischen Menschen meide, wenn er einmal und noch einmal ermahnt ist.“ Hier geht es nicht mehr nur um törichte Fragen, sondern um Häresie, um Irrlehre, um die bewusste Abweichung von der apostolischen Verkündigung. Ein ketzerischer Mensch, griechisch „hairetikos“, ist jemand, der eine Sonderansicht vertritt, der sich absondert, der Spaltung verursacht. Es geht nicht um jemanden, der ehrlich ringt und Fragen hat, sondern um jemanden, der hartnäckig an falscher Lehre festhält und andere damit zu verführen sucht.

Diese Ketzer sind auch heute unter Christen reichlich zu finden. Nicht in der Form antiker Stammbäume, sondern in Gestalt moderner Irrlehren, die ebenso hartnäckig vertreten und ebenso spaltend wirken.

Man begegnet der Leugnung der Jungfrauengeburt, als sei sie ein entbehrliches Detail; der Leugnung der leiblichen Auferstehung Jesu, als sei sie bloß ein Symbol; der Allversöhnungslehre, die Gottes Gericht aushebelt und das Evangelium seiner Ernsthaftigkeit beraubt; und vielen anderen Abweichungen, die sich fromm geben, aber das Fundament des Glaubens untergraben. Solche Lehren sind nicht harmlose Meinungsverschiedenheiten, sondern Angriffe auf das Herz des Evangeliums.

Paulus ruft uns deshalb zur Klarheit: Wer nach mehrfacher Ermahnung an Irrlehre festhält und andere damit verführt, stellt sich selbst außerhalb der apostolischen Verkündigung. Die Gemeinde darf solche Stimmen nicht dulden, wenn sie geistlich gesund bleiben will.

Titus soll einen solchen Menschen nicht sofort meiden, sondern erst, „nachdem er ihn einmal und noch einmal ermahnt hat.“ Hier wird ein Prozess beschrieben: Zunächst die erste Ermahnung, dann, wenn diese nichts fruchtet, die zweite Ermahnung. Erst wenn auch diese zweite Ermahnung vergeblich ist, soll die Meidung erfolgen.

Dieses Vorgehen entspricht dem, was Jesus in Matthäus 18 für den Umgang mit einem sündigenden Bruder lehrt: „Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein… Hört er dich nicht, so nimm noch einen oder zwei zu dir… Hört er die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner“ (Matthäus 18,15-17).

Man nennt dieses Vorgehen auch Exkommunikation – nicht als willkürliche Strafe, sondern als letzten Schritt eines geistlichen Weges, der immer mit Geduld, Liebe und ernsthafter Ermahnung beginnt. Exkommunikation bedeutet, dass die Gemeinde offiziell feststellt: Dieser Mensch hat sich durch hartnäckige Irrlehre oder unbußfertiges Verhalten selbst außerhalb der Gemeinschaft des Glaubens gestellt. Sie ist kein Akt der Rache, sondern ein Akt der Wahrheit und der Verantwortung.

Die Gemeinde schützt damit sowohl die Reinheit der Lehre als auch die geistliche Gesundheit der Gläubigen. Zugleich bleibt das Ziel immer die Wiederherstellung: Auch der Ausgeschlossene soll zur Umkehr bewegt werden, damit er zurückkehrt in die Gemeinschaft derer, die an Christus festhalten.

Die Ermahnung ist ein Akt der Liebe, nicht der Feindschaft. Man gibt den Menschen nicht sofort auf, man versucht ihn zurückzugewinnen, man ringt um ihn. Aber wenn alle Ermahnungen vergeblich sind, wenn der Mensch hartnäckig bei seiner Irrlehre bleibt, dann muss die Gemeinde sich von ihm trennen, ihn meiden, ihm nicht mehr Raum geben. Das ist keine Lieblosigkeit, sondern Schutz der Gemeinde.

Paulus schreibt an die Römer: „Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, dass ihr euch in Acht nehmt vor denen, die Zwietracht und Ärgernis anrichten entgegen der Lehre, die ihr gelernt habt, und euch von ihnen abwendet. Denn solche dienen nicht unserm Herrn Christus, sondern ihrem Bauch; und durch süße Worte und schöne Reden verführen sie die Herzen der Arglosen“ (Römer 16,17-18).

„Und wisse, dass ein solcher ganz verkehrt ist und sündigt und sich selbst damit das Urteil spricht.“ Paulus gibt drei Gründe für die Meidung: Erstens, der Ketzer ist ganz verkehrt, er ist verdreht, pervertiert in seinem Denken, er hat die rechte Orientierung verloren. Zweitens, er sündigt, er tut Unrecht, er handelt gegen Gottes Willen, er schadet der Gemeinde. Drittens, er spricht sich selbst das Urteil, er verurteilt sich selbst durch sein Verhalten, er zeigt, dass er nicht zur Gemeinde gehört, er schließt sich selbst aus.

Diese harte Sprache des Paulus mag uns befremden. Leben wir nicht in einer Zeit, in der Toleranz großgeschrieben wird? Sollen wir nicht jeden akzeptieren, wie er ist? Müssen wir nicht offen sein für verschiedene Meinungen? Ja, in vielen Bereichen des Lebens ist Toleranz wichtig und richtig. Aber wenn es um die Grundlagen des Glaubens geht, um das Evangelium selbst, um die Person und das Werk Christi, da kann es keine Toleranz geben.

Da muss die Gemeinde klar Stellung beziehen, da muss sie die Wahrheit verteidigen, da muss sie notfalls auch Grenzen ziehen. Paulus schreibt an die Galater: „Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht“ (Galater 1,8). Die Wahrheit des Evangeliums ist nicht verhandelbar.

Nach diesen ernsten Ermahnungen wechselt Paulus den Ton und kommt zu persönlichen Mitteilungen: Wenn ich Artemas oder Tychikus zu dir senden werde, so komm eilends zu mir nach Nikopolis; denn ich habe beschlossen, dort den Winter über zu bleiben. Hier erhalten wir einen Einblick in die praktische Arbeit des Apostels. Er plant seine Reisen, er koordiniert seine Mitarbeiter, er sorgt dafür, dass die verschiedenen Gemeinden betreut werden. Artemas ist ein Mitarbeiter des Paulus, über den wir sonst nichts wissen. Tychikus dagegen wird mehrfach in den Briefen des Paulus erwähnt.

Im Epheserbrief heißt es: „Damit aber auch ihr wisst, wie es um mich steht und was ich tue, wird euch Tychikus alles erzählen, der liebe Bruder und treue Diener im Herrn. Den habe ich eben darum zu euch gesandt, dass ihr erfahrt, wie es um uns steht, und dass er eure Herzen tröste“ (Epheser 6,21-22).

Paulus plant, einen von beiden nach Kreta zu senden, um Titus abzulösen, damit dieser zu ihm nach Nikopolis kommen kann. Nikopolis war eine Stadt in Epirus (im heutigen Griechenland), die von Kaiser Augustus gegründet worden war. Paulus wollte dort den Winter verbringen. Das zeigt uns, dass auch die apostolische Arbeit von praktischen Gegebenheiten geprägt war. In den Wintermonaten war das Reisen zur See gefährlich, deshalb blieb man an einem Ort. Die Apostel waren nicht übernatürlich, sie waren Menschen wie wir, die mit den gleichen praktischen Herausforderungen zu tun hatten.

Titus soll „eilends“ kommen, also ohne Verzögerung, sobald sein Nachfolger eingetroffen ist. Das zeigt, dass Paulus seinen Mitarbeiter braucht, dass er seinen Rat schätzt, dass er seine Gemeinschaft sucht. Die apostolische Arbeit war Teamwork, nicht Einzelkämpfertum. Paulus umgab sich mit Mitarbeitern, er bildete sie aus, er sandte sie aus, er holte sie wieder zu sich.

Zenas, den Rechtsgelehrten, und Apollos rüste gut aus zur Reise, damit ihnen nichts fehle. Hier kommen zwei weitere Personen ins Blickfeld. Zenas wird nur hier erwähnt, er war ein Rechtsgelehrter, vermutlich ein jüdischer Schriftgelehrter, der Christ geworden war, möglicherweise auch ein römischer Jurist. Apollos dagegen ist uns aus der Apostelgeschichte und aus dem ersten Korintherbrief bekannt. Er war „ein beredter Mann und mächtig in der Schrift“ (Apostelgeschichte 18,24), der in Ephesus und Korinth wirkte. Paulus schreibt über ihn: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben“ (1. Korinther 3,6).

Diese beiden waren offenbar auf Kreta, vielleicht hatten sie den Brief des Paulus überbracht, und nun sollten sie weiterreisen. Titus sollte dafür sorgen, dass sie gut ausgerüstet wurden zur Reise, dass ihnen nichts fehlte. Das bedeutet: Man sollte ihnen Wegzehrung mitgeben, vielleicht auch Reisegeld, vielleicht Begleitpersonen, vielleicht Empfehlungsbriefe für die nächsten Stationen. Die Gemeinde sollte sich um die reisenden Verkündiger kümmern, sie sollten nicht Not leiden, sie sollten gut versorgt sein.

Johannes schreibt in seinem dritten Brief: „Denn für seinen Namen sind sie ausgezogen und nehmen von den Heiden nichts an. So sollen wir nun solche aufnehmen, damit wir Mitarbeiter der Wahrheit werden“ (3. Johannes 7-8).

Diese praktische Fürsorge für die Verkündiger des Evangeliums ist ein wichtiger Ausdruck der Gastfreundschaft und der Gemeinschaft im Glauben. Die Gemeinden waren miteinander verbunden durch ein Netzwerk von reisenden Aposteln, Lehrern, Evangelisten. Diese mussten unterstützt werden, damit sie ihren Dienst tun konnten. Paulus selbst hatte zwar oft auf dieses Recht verzichtet und für seinen Lebensunterhalt selbst gesorgt, aber er betonte dennoch: „Wer das Evangelium verkündigt, soll sich vom Evangelium nähren“ (1. Korinther 9,14).

„Lass aber auch die Unseren lernen, sich hervorzutun mit guten Werken, wo sie nötig sind, damit sie kein fruchtloses Leben führen.“ Hier kommt Paulus noch einmal auf das Thema der guten Werke zurück, das er in Vers 8 bereits angesprochen hatte. „Die Unseren“ meint die Christen auf Kreta, die Gemeindeglieder. Sie sollen lernen, sich mit guten Werken hervorzutun. Das bedeutet: Es ist ein Prozess, es braucht Übung, es muss eingeübt werden. Das christliche Leben ist nicht etwas, was automatisch kommt, sondern etwas, das gelernt werden muss. Man lernt es durch Belehrung, durch Vorbild, durch Übung, durch Erfahrung.

„Sich hervorzutun mit guten Werken“ – das ist wieder die Formulierung, die Paulus in Vers 8 gebraucht hat. Die Christen sollen nicht mittelmäßig sein im Guten, sondern hervorragend. Sie sollen nicht hinterherhinken, sondern vorangehen. Und zwar „wo sie nötig sind“, das heißt: wo konkrete Bedürfnisse bestehen, wo Not ist, wo Hilfe gebraucht wird. Es geht nicht um abstrakte gute Werke, sondern um konkrete Hilfe in konkreten Situationen. Vielleicht ging es hier gerade um die Ausrüstung von Zenas und Apollos – das wäre ein solches gutes Werk, das nötig war.

„Damit sie kein fruchtloses Leben führen.“ Das ist das Ziel: ein fruchtbares Leben, ein Leben, das Frucht bringt, das anderen zum Segen wird, das Spuren hinterlässt. Jesus sagt: „Daran wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger“ (Johannes 15,8). Ein fruchtloses Leben ist ein vergeudetes Leben, ein Leben, das seine Bestimmung verfehlt hat. Ein fruchtbares Leben dagegen ist ein Leben, das Gottes Absicht entspricht, das seinem Willen dient, das zum Aufbau des Reiches Gottes beiträgt.

Es ist bemerkenswert, wie oft Paulus in diesem Brief auf die guten Werke zurückkommt. Er hat betont, dass wir nicht durch Werke gerettet werden (Vers 5), aber er betont ebenso, dass wir als Gerettete gute Werke tun sollen (Vers 8 und hier in Vers 14). Das ist der richtige Zusammenhang: Die Werke sind nicht die Grundlage, sondern die Frucht der Errettung. Wir tun sie nicht, um gerettet zu werden, sondern weil wir gerettet sind. Wir tun sie nicht aus Zwang, sondern aus Dankbarkeit. Wir tun sie nicht, um zu verdienen, sondern um zu dienen.

Und nun kommt Paulus zum Schluss des Briefes: „Es grüßen dich alle, die bei mir sind.“ Paulus ist nicht allein, er hat Mitarbeiter um sich, und diese lassen Titus grüßen. Das zeigt wieder die Gemeinschaft der ersten Christen, die Verbundenheit über die räumliche Distanz hinweg. Ein Brief war nicht nur eine Kommunikation zwischen zwei Einzelpersonen, sondern zwischen Gemeinden, zwischen Gemeinschaften von Gläubigen.

„Grüße alle, die uns lieben im Glauben.“ Titus soll nicht nur persönlich gegrüßt werden, sondern er soll die Grüße weitergeben an alle, „die uns lieben im Glauben“. Das ist eine schöne Formulierung. Die Liebe im Glauben ist die geschwisterliche Liebe, die auf dem gemeinsamen Glauben gründet. Es ist nicht eine natürliche Sympathie, nicht eine menschliche Zuneigung, sondern eine Liebe, die aus dem Glauben entspringt, die durch den Heiligen Geist gewirkt ist, die die Glieder des Leibes Christi miteinander verbindet.

Petrus schreibt: „Habt ihr eure Seelen gereinigt im Gehorsam der Wahrheit zu ungefärbter Bruderliebe, so habt euch untereinander beständig lieb aus reinem Herzen“ (1. Petrus 1,22).

Diese Liebe im Glauben ist eine Realität, die über alle kulturellen, sozialen, ethnischen Grenzen hinweg verbindet. Paulus schreibt an die Galater: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Galater 3,28). Diese neue Gemeinschaft, die durch den Glauben entsteht, ist ein Vorgeschmack des kommenden Reiches Gottes, ein Zeichen der neuen Schöpfung.

Und dann das letzte Wort: „Die Gnade sei mit euch allen!“ Mit diesem Segenswunsch schließt Paulus den Brief. Er hat mit der Gnade begonnen („Gnade und Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Heiland“, 1,4), und er schließt mit der Gnade. Die Gnade ist das Thema des ganzen Briefes gewesen. Die Gnade Gottes ist erschienen und hat uns das Heil gebracht (2,11). Durch die Gnade sind wir gerecht geworden und Erben des ewigen Lebens (3,7). Und nun wünscht Paulus, dass diese Gnade mit allen sei.

Das Wort „allen“ ist bemerkenswert. Paulus hat den Brief an Titus persönlich gerichtet, aber dieser letzte Gruß gilt allen, der ganzen Gemeinde. Der Brief war nicht nur für Titus bestimmt, sondern sollte in der Gemeinde vorgelesen werden. Alle sollten teilhaben an den Belehrungen, an den Ermahnungen, an den Verheißungen. Und alle sollen teilhaben an der Gnade.

„Die Gnade sei mit euch allen“ – das ist nicht nur ein frommer Wunsch, nicht nur eine Grußformel, sondern ein Segenswort, eine Zusage, eine Verheißung. Die Gnade Gottes ist nicht eine abstrakte Eigenschaft, sondern eine konkrete Wirklichkeit, eine Kraft, die unser Leben trägt, bewahrt, erneuert. Ohne die Gnade können wir nicht bestehen. Ohne die Gnade ist unser Glaube vergeblich. Ohne die Gnade sind wir verloren.

Aber die Gnade ist mit uns, denn Christus ist für uns gestorben, Christus ist für uns auferstanden, Christus sitzt zur Rechten des Vaters und vertritt uns. Paulus schreibt: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen“ (1. Korinther 15,10).

Was sagt uns dieser Schlussabschnitt für unser Leben heute? Dieser Schlussabschnitt des Titusbriefes führt uns noch einmal zurück zum Kern dessen, was christliches Leben ausmacht. Paulus spannt einen Bogen von der klaren Abgrenzung gegenüber unnützem Streit und gefährlicher Irrlehre bis hin zur liebevollen Fürsorge für Mitarbeiter und zur Ermutigung zu guten Werken. Alles steht unter dem einen großen Thema: Die Gemeinde soll gesund bleiben – in der Lehre, im Leben, in der Liebe.

Wir lernen: Christliches Leben braucht Klarheit, damit das Evangelium nicht verwässert wird. Es braucht Mut, um Irrlehre zu benennen und Grenzen zu ziehen. Es braucht Demut, um sich nicht in Nebensächlichkeiten zu verlieren. Es braucht Hingabe, um das Gute zu tun, wo es nötig ist. Und es braucht Gemeinschaft, damit niemand allein steht – weder Titus, noch Zenas, noch Apollos, noch wir heute.

Am Ende steht der Segen: „Die Gnade sei mit euch allen!“ Damit macht Paulus deutlich, dass alles, was er geschrieben hat – jede Ermahnung, jede Warnung, jede praktische Anweisung – in der Gnade Gottes verankert ist. Nicht menschliche Kraft trägt die Gemeinde, sondern Gottes Gnade. Nicht menschliche Weisheit bewahrt die Wahrheit, sondern Gottes Gnade. Nicht menschliche Werke bringen Frucht, sondern Gottes Gnade wirkt durch uns.

So ruft uns dieser Abschnitt dazu auf, die Gnade neu zu ergreifen: als Maßstab für unsere Lehre, als Kraft für unser Leben, als Quelle unserer Liebe, als Fundament unserer Hoffnung.

Damit, liebe Geschwister, haben wir den Brief des Apostels Paulus an Titus durchschritten. Wir haben gehört von den Anforderungen an die Ältesten, von der rechten Lehre für die verschiedenen Gruppen in der Gemeinde, von der erschienenen Gnade Gottes, von dem Bad der Wiedergeburt, von den guten Werken als Frucht des Glaubens. Möge dieser Brief uns helfen, unser christliches Leben recht zu führen, unseren Dienst treu zu tun, unsere Hoffnung festzuhalten.

Gott befohlen. Pater Berndt