Gottes Freundlichkeit ist erschienen und hat uns durch die Taufe neu geschaffen. Aus Barmherzigkeit, nicht aus Werken, sind wir Erben des ewigen Lebens geworden.

Titus 3,1-8: „Erinnere sie daran, dass sie der Gewalt der Obrigkeit untertan und gehorsam seien, zu allem guten Werk bereit, niemanden verleumden, nicht streiten, gütig seien, alle Sanftmut beweisen gegen alle Menschen. Denn auch wir waren früher unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, waren mancherlei Begierden und Gelüsten dienstbar und lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten uns untereinander. Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung. Das ist gewisslich wahr. Und ich will, dass du dies mit Ernst lehrst, damit alle, die zum Glauben an Gott gekommen sind, darauf bedacht sind, sich mit guten Werken hervorzutun. Das ist gut und nützt den Menschen.“

Im dritten Kapitel seines Briefes an Titus führt der Apostel Paulus den Gedankengang fort, den er im zweiten Kapitel begonnen hat. Während er dort die innere Wirkung der Gnade beschrieben hat, wendet er sich nun der äußeren Bewährung des christlichen Lebens zu. Er zeigt, wie das neue Leben in Christus sich im Verhältnis zur staatlichen Obrigkeit, im Umgang mit den Mitmenschen und in der Erinnerung an unsere eigene Vergangenheit bewähren muss. Und er führt uns zurück zum Ursprung unserer Errettung: zur Erscheinung der Freundlichkeit Gottes, zum Bad der Wiedergeburt, zur Ausgießung des Heiligen Geistes. Es ist ein Text von großer theologischer Tiefe und zugleich von unmittelbarer praktischer Relevanz.

Paulus beginnt mit einer klaren Anweisung: „Erinnere sie daran, dass sie der Gewalt der Obrigkeit untertan und gehorsam seien.“ Hier wird eine Dimension des christlichen Lebens angesprochen, die immer wieder zu Fragen und Diskussionen Anlass gibt: das Verhältnis zur staatlichen Gewalt. Paulus fordert nicht zur Revolution auf, nicht zum Widerstand gegen die bestehende Ordnung, sondern zur „Unterordnung und zum Gehorsam.“ Das mag in unseren Ohren befremdlich klingen, zumal in einer Zeit, in der der Freiheitsgedanke so hoch gehalten wird. Doch wir müssen verstehen, dass Paulus hier nicht von absoluter, bedingungsloser Unterwerfung spricht, sondern von einer grundsätzlichen Anerkennung der staatlichen Ordnung als einer von Gott eingesetzten Institution.

Paulus’ Hinweis gewinnt noch mehr Kontur, wenn wir den theologischen Grundgedanken dahinter ernst nehmen und verstehen: Staatliche Ordnung ist für ihn nicht einfach ein menschliches Machtgefüge, sondern ein Mittel, durch das Gott das Zusammenleben der Menschen schützt. Die Obrigkeit – so unvollkommen sie sein mag – erfüllt eine dienende Funktion: Sie soll das Gute fördern, das Böse begrenzen und damit Raum schaffen, in dem das Evangelium gelebt werden kann. Unterordnung bedeutet deshalb nicht blinde Loyalität, sondern die Anerkennung, dass Gott auch durch weltliche Strukturen wirkt, um Chaos, Willkür und Gewalt einzudämmen.

Christen ordnen sich nicht der Macht um ihrer selbst willen unter, sondern aus dem Bewusstsein heraus, dass Gott ein Gott der Ordnung ist und dass geordnete Verhältnisse dem Frieden dienen. Gerade diese Perspektive bewahrt davor, den Staat zu vergötzen – und ebenso davor, ihn vorschnell zu verachten.

Im Römerbrief entfaltet Paulus diesen Gedanken ausführlicher: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu“ (Römer 13,1-2). Die Obrigkeit ist eine Ordnung Gottes für diese gefallene Welt. Sie soll das Böse eindämmen, das Recht wahren, den Frieden ermöglichen. Natürlich hat diese Ordnung Grenzen: Wenn die Obrigkeit von uns verlangt, was gegen Gottes Gebot ist, dann gilt das Wort der Apostel vor dem Hohen Rat: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29). Aber die grundsätzliche Haltung des Christen gegenüber der staatlichen Gewalt ist die der Unterordnung und des Gehorsams.

Das bedeutet aber auch, dass wir staatlichen Amtsträgern – Polizei, Gerichten, Behörden – nicht mit Misstrauen oder Geringschätzung begegnen, sondern mit einer Haltung des Respekts. Sie tragen eine Aufgabe, die oft schwer, konfliktgeladen und wenig dankbar ist: Sie schützen das Gemeinwohl, sorgen für Sicherheit, setzen Recht durch und stehen damit an einer Stelle, an der die Zerbrechlichkeit unserer Welt besonders sichtbar wird.

Wer als Christ anerkennt, dass Gott durch solche Institutionen Ordnung schafft, wird sich bemühen, nicht nur äußerlich gehorsam zu sein, sondern auch innerlich eine Haltung der Achtung zu pflegen. Respekt heißt nicht, jede Entscheidung gutzuheißen, aber es heißt, die Menschen zu sehen, die diese Verantwortung tragen – und für sie zu beten, damit sie ihr Amt mit Weisheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit ausüben.

Doch Paulus bleibt nicht bei dieser äußeren Ordnung stehen. Er fährt fort: „zu allem guten Werk bereit.“ Das christliche Leben erschöpft sich nicht im Gehorsam gegenüber der Obrigkeit. Es soll sich auszeichnen durch eine Bereitschaft zum Guten, durch eine Haltung, die stets nach Möglichkeiten sucht, anderen zu dienen, Gutes zu tun, zu helfen. Diese Bereitschaft ist keine gelegentliche Anwandlung, sondern eine Grundhaltung des neuen Lebens. Paulus schreibt an die Galater: „Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“ (Galater 6,10). Die Gelegenheit zum Guten soll nicht versäumt werden.

Denn Christsein heißt nicht Egoismus, sondern eine radikale Neuausrichtung des Herzens weg von sich selbst hin zu Gott und zum Nächsten. Wer in Christus lebt, kann das eigene Wohl nicht mehr als oberste Priorität betrachten, sondern sieht sich als Teil eines größeren Ganzen, als Glied am Leib Christi. Das Gute, das wir tun, ist deshalb nie bloß moralische Anstrengung, sondern Ausdruck der Liebe, die Gott selbst in uns wirkt.

Egoismus verengt, das Evangelium aber weitet: Es öffnet die Augen für die Bedürfnisse anderer, für die Lasten, die sie tragen, für die kleinen und großen Möglichkeiten, ihnen zum Segen zu werden. In einer Welt, die oft vom „Ich zuerst“ geprägt ist, wird der Christ gerade durch selbstlose Güte zum lebendigen Zeugnis für die Kraft des neuen Lebens.

Und dann entfaltet Paulus, wie sich diese Grundhaltung im konkreten Umgang mit Menschen bewähren soll: „niemanden verleumden, nicht streiten, gütig seien, alle Sanftmut beweisen gegen alle Menschen.“ Hier werden vier Aspekte genannt, die das soziale Verhalten des Christen prägen sollen. „Niemanden verleumden“ bedeutet: keine böse Nachrede, keine falschen Anschuldigungen, kein übles Geschwätz über andere. Jakobus warnt eindringlich: „Redet nicht übel voneinander, liebe Brüder. Wer über seinen Bruder übel redet oder seinen Bruder richtet, der redet dem Gesetz übel und richtet das Gesetz“ (Jakobus 4,11). Die Verleumdung ist ein Gift, das die Gemeinschaft zerstört.

„Nicht streiten“ meint: nicht streitsüchtig sein, nicht auf Konfrontation aus sein, nicht jeden Anlass zum Streit ergreifen. Das bedeutet nicht, dass der Christ keine klare Position beziehen darf oder keine Konflikte austragen soll. Aber die Grundhaltung soll nicht die des Streitens sein. Paulus schreibt an Timotheus: „Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streitsüchtig sein, sondern freundlich gegen jedermann, im Lehren geschickt, der Böses ertragen kann und mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweist“ (2. Timotheus 2,24-25).

„Gütig sein“ bedeutet: wohlwollend, freundlich, nachsichtig sein im Umgang mit anderen. Diese Güte ist eine Frucht des Geistes, wie Paulus im Galaterbrief aufzählt: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit“ (Galater 5,22-23). Sie entspringt nicht unserer eigenen Anstrengung, sondern dem Wirken des Heiligen Geistes in uns.

„Alle Sanftmut beweisen gegen alle Menschen.“ Hier wird die universale Reichweite dieser Haltung betont. Es geht nicht nur um den Umgang mit Glaubensgeschwistern, nicht nur um die Behandlung derer, die uns nahestehen, sondern um alle Menschen. Die Sanftmut ist eine Haltung der Demut, der Geduld, der Milde. Jesus sagt von sich selbst: „Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“ (Matthäus 11,29). Christus selbst ist unser Vorbild in der Sanftmut.

Und doch fehlt vielen Christen – gerade im Umgang mit Menschen, deren Leben sichtbar von Sünde, Zerbruch oder Irrwegen geprägt ist – genau diese Sanftmut. Statt der Milde Christi tritt nicht selten Härte, statt Geduld ein rasches Urteil, statt Demut eine Haltung moralischer Überlegenheit. Dabei vergessen wir leicht, dass wir selbst aus Gnade leben, dass auch wir einst „unverständig, ungehorsam, in die Irre gegangen“ waren (Titus 3,3). Wer die eigene Bedürftigkeit vor Gott nicht aus dem Blick verliert, wird anderen nicht mit Verachtung begegnen, sondern mit dem gleichen Erbarmen, das Christus uns erwiesen hat. Sanftmut gegenüber Sündern bedeutet nicht, die Sünde zu verharmlosen, sondern den Menschen zu sehen, der Heilung braucht – und ihm mit der Geduld zu begegnen, mit der Gott uns täglich trägt.

Und nun kommt Paulus zu einem entscheidenden Punkt, der uns die Grundlage für diese Haltung verstehen lässt: „Denn auch wir waren früher unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, waren mancherlei Begierden und Gelüsten dienstbar und lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten uns untereinander.“ Mit diesem einen Satz malt Paulus ein erschütterndes Bild des Lebens vor der Bekehrung. Er sagt nicht „ihr wart“, sondern „wir waren“. Er schließt sich selbst ein. Auch er, der große Apostel, war einmal in diesem Zustand. Und er beschreibt diesen Zustand mit sieben Merkmalen, die das Leben ohne Christus charakterisieren.

„Wir waren unverständig.“ Das bedeutet: ohne geistliche Einsicht, ohne wahres Verständnis für Gott und seine Wahrheit. Paulus schreibt im ersten Korintherbrief: „Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden“ (1. Korinther 2,14). Die Unverständigkeit ist nicht primär eine intellektuelle Schwäche, sondern eine geistliche Blindheit.

Diese geistliche Blindheit zeigt, wie tief der Mensch ohne Gottes Wirken verstrickt ist: Er sieht zwar die Welt, aber nicht ihre wahre Tiefe; er erkennt Zusammenhänge, aber nicht ihren Ursprung; er hört Worte über Gott, aber sie bleiben ihm fremd, unverständlich, ja manchmal sogar lästig. Unverständigkeit bedeutet, dass das Herz nicht empfänglich ist für Gottes Stimme – nicht weil der Mensch zu wenig denkt, sondern weil er in einem Zustand lebt, in dem Gottes Wirklichkeit für ihn keine Bedeutung hat. Erst wenn der Heilige Geist das innere Auge öffnet, beginnt der Mensch zu begreifen, was zuvor verborgen war: die Schönheit Gottes, die Wahrheit seines Wortes, die eigene Bedürftigkeit und die Größe der Gnade. Diese Einsicht ist nie menschliches Produkt, sondern immer göttliches Geschenk.

„Wir waren ungehorsam.“ Das meint: rebellisch gegen Gott, widerspenstig gegen seinen Willen, eigenwillig und selbstherrlich. Der Ungehorsam ist die Grundsünde der Menschheit seit dem Fall im Paradies. Adam und Eva waren ungehorsam, und wir alle haben diesen Ungehorsam geerbt und durch eigene Taten bestätigt.

„Wir gingen in die Irre.“ Das bedeutet: wir waren auf dem falschen Weg, wir hatten das Ziel verfehlt, wir irrten umher ohne Orientierung. Jesaja schreibt: „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn“ (Jesaja 53,6). Das Bild der verirrten Schafe beschreibt unseren Zustand ohne den guten Hirten.

„Wir waren mancherlei Begierden und Gelüsten dienstbar.“ Hier wird die Sklaverei der Sünde beschrieben. Wir waren nicht frei, sondern gebunden, versklavt an unsere eigenen Begierden. Jesus sagt: „Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht“ (Johannes 8,34). Die Sünde beherrscht den Menschen, sie hält ihn gefangen, sie treibt ihn.

Diese Knechtschaft der Sünde ist nicht bloß ein moralisches Problem, sondern ein Zustand tiefster Unfreiheit. Der Mensch meint, autonom zu handeln, doch in Wahrheit wird er von inneren Kräften getrieben, die stärker sind als sein Wille. Begierden erscheinen als Versprechen von Glück, doch sie führen in Abhängigkeit; Gelüste wirken wie Freiheit, doch sie binden. Die Bibel beschreibt diese Dynamik nicht psychologisch, sondern geistlich: Die Sünde ist eine Macht, die herrscht, die den Menschen lenkt, die ihn in Bahnen zwingt, die er selbst nicht durchbrechen kann. Darum ist Erlösung nicht Selbstoptimierung, sondern Befreiung – ein Herausreißen aus der alten Herrschaft und ein Hineinführen in die Freiheit der Kinder Gottes. Erst wenn Christus den Menschen frei macht, beginnt er wirklich zu wollen, was gut ist, und nicht nur das, was ihn gefangen hält.

„Wir lebten in Bosheit und Neid.“ Bosheit bedeutet: eine innere Verdorbenheit, eine Neigung zum Bösen, eine Lust am Schaden anderer. „Neid“ bedeutet: Missgunst, der Schmerz über das Glück anderer, das Verlangen nach dem, was anderen gehört. Beides sind Herzenshaltungen, die aus der Gottferne entspringen.

„Wir waren verhasst und hassten uns untereinander.“ Das ist der Höhepunkt dieser Beschreibung. Das Leben ohne Christus führt in die Isolation und in die Feindschaft. Wir „waren verhasst“, das heißt: andere hassten uns. Und wir „hassten einander“, das heißt: wir selbst waren erfüllt von Hass. Der Hass ist das Gegenteil der Liebe, er ist die Zerstörung der Gemeinschaft, er ist der Tod der Beziehung.

Warum schildert Paulus dieses düstere Bild so ausführlich? Er tut es, um uns an unsere eigene Vergangenheit zu erinnern, damit wir nicht hochmütig werden, damit wir nicht auf andere herabschauen, damit wir barmherzig und geduldig sind im Umgang mit denen, die noch nicht zum Glauben gekommen sind. Wir waren einmal wie sie. Wir haben keinen Grund, uns über sie zu erheben.

Diese Wahrheit vergessen viele Christen heute – und das hat Folgen. Wenn wir unsere eigene Vergangenheit nicht mehr im Blick haben, verlieren wir leicht die Demut, die uns eigentlich prägen sollte. Wir reden über „die Welt“ oder „die Sünder“, als stünden wir selbst außerhalb dieser Realität, als wären wir aus eigener Kraft besser geworden. Doch wer vergisst, dass er selbst einst verloren war, wird hart, ungeduldig und unbarmherzig. Er begegnet Menschen nicht mehr als einer, der Gnade empfangen hat, sondern als Richter, der sich über andere erhebt.

Gerade deshalb ruft Paulus uns zur Erinnerung: Nicht um uns zu beschämen, sondern um uns zu bewahren vor geistlichem Hochmut, vor kalter Selbstgerechtigkeit und vor einer Haltung, die dem Wesen Christi widerspricht.

Und dann kommt der große Wendepunkt, der Einschnitt, der alles verändert: „Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands.“ Wieder begegnet uns das Wort „erschien“, das wir schon in Titus 2,11 gefunden haben. Die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes ist nicht eine abstrakte Eigenschaft, sondern sie ist erschienen, sie ist sichtbar geworden, sie ist in die Welt getreten. Und wo ist sie erschienen? In Jesus Christus.

Johannes schreibt: „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden“ (1. Johannes 4,9-10).

Die Freundlichkeit Gottes, griechisch „chrestotes“, bedeutet: seine Güte, seine Milde, seine Wohltat. Die Menschenliebe Gottes, griechisch „philanthropia“, bedeutet: seine Zuwendung zum Menschen, seine Liebe zur Menschheit. Beide Begriffe zusammen beschreiben das Wesen Gottes, wie es in Christus offenbar geworden ist. Gott ist nicht ein ferner, zorniger, gleichgültiger Gott, sondern ein Gott der Freundlichkeit und der Menschenliebe. Paulus schreibt im Römerbrief: „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Römer 5,8).

Und was hat diese Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes bewirkt? „Er machte uns selig.“ Das ist die schlichte, gewaltige Aussage des Evangeliums: Gott hat uns gerettet. Er hat uns aus dem Verderben gezogen, er hat uns das ewige Leben geschenkt, er hat uns in seine Gemeinschaft aufgenommen. Und wie hat er das getan? „Nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit.“

Hier wird die Grundlage unserer Errettung mit aller Klarheit ausgesprochen: Es sind nicht unsere Werke. Es sind nicht unsere Leistungen. Es ist nicht unsere Gerechtigkeit. Es ist allein Gottes Barmherzigkeit. Paulus betont dies immer wieder, weil es das Herzstück des Evangeliums ist, weil hier der entscheidende Unterschied zwischen Evangelium und Gesetz liegt, weil hier die Freiheit des Christen gründet. Im Epheserbrief schreibt er: „Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden“ (Epheser 2,4-5). Die Barmherzigkeit ist das Motiv Gottes, die Gnade ist das Mittel seiner Errettung.

Und nun beschreibt Paulus, wie diese Errettung konkret geschieht: „durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist.“ Hier kommt die Taufe ins Blickfeld. Das Bad der Wiedergeburt ist die Taufe, durch die wir neugeboren werden, durch die wir in Christus eingepflanzt werden, durch die wir Anteil bekommen an seinem Tod und seiner Auferstehung. Jesus sagt zu Nikodemus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Johannes 3,5). Die Taufe ist nicht ein bloß äußeres Zeichen, nicht eine symbolische Handlung, sondern ein wirksames Mittel der Gnade, durch das Gott an uns handelt.

Das Sakrament der Taufe ist deshalb weit mehr als ein feierlicher Moment im Gemeindeleben oder ein symbolischer Ausdruck unseres Glaubens. In der Taufe handelt Gott selbst: Er nimmt den Menschen aus der alten Wirklichkeit der Sünde heraus und pflanzt ihn in die neue Wirklichkeit Christi ein. Die Taufe ist ein göttliches Werk, kein menschliches Ritual. Sie schenkt Wiedergeburt, nicht bloß Erneuerung; sie schafft ein neues Herz, nicht nur eine neue Gesinnung.

Darum hat die Kirche die Taufe immer als heiliges, wirkmächtiges Sakrament verstanden – als sichtbares Wasser, durch das uns unsichtbar der Heilige Geist geschenkt wird. In ihr verbindet Gott sein Wort mit einem äußeren Zeichen, damit wir gewiss sein können: Die Gnade, die uns zugesagt ist, ist nicht vage oder innerlich, sondern konkret, verlässlich und an uns vollzogen.

Petrus schreibt: „Das Abbild davon rettet jetzt auch euch in der Taufe, die nicht ein Abtun der Unreinigkeit am Fleisch ist, sondern der Bund eines guten Gewissens mit Gott durch die Auferstehung Jesu Christi“ (1. Petrus 3,21). In der Taufe werden wir wiedergeboren, wir werden neue Geschöpfe. Paulus sagt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2. Korinther 5,17). Diese Wiedergeburt ist nicht unser Werk, sondern Gottes Werk an uns.

Die Taufe ist heilsnotwendig – nicht im Sinne eines magischen Aktes, sondern weil Gott selbst sie als das Mittel bestimmt hat, durch das er den Menschen in das neue Leben hineinführt. Sie ist der von Christus eingesetzte Weg in seine Gemeinschaft, das Tor in das Reich Gottes, die Geburt aus Wasser und Geist. Darum kann die Kirche nicht so tun, als sei die Taufe eine optionale Ergänzung des Glaubens oder ein schönes Symbol für eine bereits vollzogene innere Entscheidung.

Sie gehört zum Wesen des christlichen Lebens, weil Gott durch sie handelt und weil Christus selbst sie geboten hat. Wer die Heilsnotwendigkeit der Taufe leugnet, verkennt die Tiefe dessen, was Gott in diesem Sakrament schenkt: nicht bloß ein Zeichen, sondern neues Leben, nicht bloß eine Erinnerung, sondern eine wirkliche Einpflanzung in Christus.

Und diese Wiedergeburt ist zugleich eine Erneuerung im Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist es, der uns erneuert, der uns verwandelt, der in uns das neue Leben wirkt. Er ist der Urheber der Wiedergeburt und der Erneuerer des Lebens. Und dieser Geist ist nicht spärlich gegeben, sondern reichlich ausgegossen: „den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland.“

Hier wird an das Pfingstgeschehen erinnert, an die Ausgießung des Heiligen Geistes, die Jesus verheißen hat. Petrus predigt am Pfingsttag: „Dies ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: ‚Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch'“ (Apostelgeschichte 2,16-17). Der Heilige Geist ist ausgegossen, nicht tropfenweise, sondern reichlich, überströmend, überflutend. Und diese Ausgießung geschieht durch Jesus Christus. Er ist der Mittler, durch den wir den Geist empfangen. Jesus sagt: „Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Johannes 14,26).

Und wozu dient diese ganze Errettung? „Damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.“ Hier werden zwei große Begriffe der paulinischen Theologie genannt: die Rechtfertigung und die Erbschaft. Durch die Gnade Christi sind wir gerecht geworden. Das bedeutet: Gott hat uns für gerecht erklärt, obwohl wir Sünder sind. Er hat uns die Gerechtigkeit Christi zugerechnet, er hat unsere Schuld auf Christus gelegt und dessen Gerechtigkeit uns zugesprochen. Paulus schreibt: „Den, der von keiner Sünde wusste, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt“ (2. Korinther 5,21).

Und diese Rechtfertigung macht uns zu Erben des ewigen Lebens. Wir sind nicht mehr Sklaven, sondern Söhne und Töchter. Wir sind nicht mehr Fremde, sondern Familienmitglieder. Wir sind nicht mehr ohne Zukunft, sondern wir haben eine Erbschaft. Paulus schreibt an die Römer: „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi“ (Römer 8,16-17). Das ewige Leben ist unsere Hoffnung, unsere Zukunft, unser Ziel.

Und dann fügt Paulus einen Bekräftigungssatz hinzu: „Das ist gewisslich wahr.“ Diese Formulierung, die mehrfach in den Pastoralbriefen vorkommt, unterstreicht die absolute Zuverlässigkeit dessen, was gesagt wurde. Es ist kein Vielleicht, kein Möglicherweise, kein Wahrscheinlich, sondern: gewisslich wahr. Wir können uns darauf verlassen. Wir können unser Leben darauf gründen. Wir können dafür sterben.

„Und ich will, dass du dies mit Ernst lehrst.“ Paulus legt Titus diese Verkündigung ans Herz. Er soll es lehren, er soll es mit Ernst lehren, er soll nicht davon ablassen. Denn diese Botschaft ist zu wichtig, zu kostbar, zu lebensnotwendig, als dass sie verschwiegen oder verwässert werden dürfte. Die Verkündigung des Evangeliums ist kein Nebenjob, keine Freizeitbeschäftigung, sondern eine heilige Verpflichtung.

Leider haben dies viele Kirchen heute verloren: „mit Ernst das Evangelium“ zu lehren, zu predigen, zu verkündigen. Statt einer klaren, kraftvollen, biblisch gegründeten Botschaft hören wir oft unverbindliche Worte, moralische Appelle, gesellschaftliche Kommentare oder spirituelle Allgemeinplätze. Die Dringlichkeit des Evangeliums ist vielerorts verdunstet. Man scheut die Klarheit, man vermeidet das Anstößige, man fürchtet die Konfrontation mit der Wahrheit.

So entsteht ein laues Christentum, eine Kirche ohne Feuer, eine Pfarrschaft ohne geistliche Autorität. Doch das Evangelium ist kein laues Wort: Es ist Gottes Kraft zur Errettung. Wo diese Kraft nicht mehr verkündigt wird, verliert die Kirche ihren Auftrag und ihre Stimme. Darum ruft Paulus Titus – und uns – dazu auf, das Evangelium wieder mit Ernst zu lehren: klar, mutig, biblisch, voller Liebe und voller Wahrheit.

Und wozu soll diese Lehre führen? „Damit alle, die zum Glauben an Gott gekommen sind, darauf bedacht sind, sich mit guten Werken hervorzutun.“ Wieder schließt sich der Kreis: von der Gnade zu den Werken, vom Glauben zum Leben, von der Rechtfertigung zur Heiligung. Die guten Werke sind nicht die Grundlage unserer Errettung, aber sie sind ihre notwendige Folge. Wer wahrhaft glaubt, der wird gute Werke tun. Wer aus der Gnade lebt, der wird Frucht bringen. Jakobus sagt es mit aller Deutlichkeit: „So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber“ (Jakobus 2,17).

„Darauf bedacht“ sein bedeutet: sich kümmern, sorgen, Mühe geben. Es geht nicht um gelegentliche gute Taten, sondern um ein Leben in guten Werken, um eine beständige Ausrichtung des Lebens auf das Gute. Sich „hervortun“ bedeutet: sich auszeichnen, an der Spitze stehen, vorangehen. Christen sollen nicht mittelmäßig sein im Guten, sondern hervorragend, nicht hinterherhinken, sondern vorangehen.

Das bedeutet aber nicht, dass wir unsere Werke zur Schau stellen, uns brüsten oder uns feiern lassen, wie großartig wir doch seien. Gute Werke verlieren ihren Charakter, sobald sie zum Mittel der Selbstdarstellung werden. Christus ruft uns nicht dazu auf, im Rampenlicht zu stehen, sondern im Verborgenen treu zu dienen. Jesus selbst mahnt: „Wenn du Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut“ (Matthäus 6,3). Das heißt: Das Gute soll nicht zur Bühne unseres Egos werden, sondern Ausdruck eines Herzens, das Gott gehört. Wahre christliche Werke sind still, schlicht, unaufdringlich – und gerade darin leuchten sie. Denn wo der Mensch sich nicht selbst erhöht, wird Christus sichtbar.

Und Paulus schließt: „Das ist gut und nützt den Menschen.“ Die guten Werke sind nicht nur Gott wohlgefällig, sie sind auch gut für uns selbst und nützlich für die Menschen. Sie dienen dem Wohl der Gemeinschaft, sie bauen auf, sie helfen, sie heilen. Ein Leben in guten Werken ist nicht ein vergeudetes Leben, sondern ein fruchtbares Leben, ein Leben, das Spuren hinterlässt, das anderen zum Segen wird.

Was sagt uns dieser Abschnitt für unser Leben heute? Er erinnert uns an drei grundlegende Wahrheiten. Erstens: Wir sollen uns erinnern an unsere eigene Vergangenheit. Wir waren einmal wie alle anderen Menschen: verloren, versklavt, verirrt. Diese Erinnerung bewahrt uns vor Hochmut und macht uns barmherzig.

Zweitens: Wir sollen uns freuen an der erschienenen Freundlichkeit Gottes. Wir sind nicht durch unsere Werke gerettet, sondern durch seine Barmherzigkeit, durch das Bad der Wiedergeburt, durch die Ausgießung des Heiligen Geistes. Diese Erkenntnis ist der Grund unserer Freude und unserer Gewissheit.

Drittens: Wir sollen uns mit guten Werken hervortun. Nicht um gerettet zu werden, sondern weil wir gerettet sind. Nicht aus frommer Pflicht, sondern aus Dankbarkeit. Nicht um zu verdienen, sondern um zu dienen.

Lasst uns also als Erlöste leben, als Beschenkte, als Erben des ewigen Lebens. Lasst uns sanftmütig sein gegen alle Menschen, in Erinnerung daran, wie Gott uns selbst aus unserer Verlorenheit herausgeführt hat. Lasst uns bereitet sein zu jedem guten Werk, weil Gott uns durch seine Gnade bereitet hat. Und lasst uns unsere Hoffnung festhalten, die Hoffnung auf das ewige Leben, das uns durch Jesus Christus, unseren Heiland, geschenkt ist.

Gott befohlen. Pater Berndt