Jeder Hirte wird einst vor dem obersten Hirten stehen. Diese biblische Wahrheit scheint in unseren Tagen in Vergessenheit geraten zu sein. Doch die Heilige Schrift mahnt eindringlich.
Es ist eine der erschütterndsten Wahrheiten der Heiligen Schrift, dass niemand – auch kein Diener am Wort – dem Blick des lebendigen Gottes entrinnen kann. Der Hebräerbrief bezeugt mit heiligem Ernst: „Es ist dem Menschen bestimmt, einmal zu sterben, danach aber das Gericht“ (Hebräer 9,27). Diese Worte gelten universal, doch sie treffen mit besonderer Wucht jene, die berufen sind, das Wort Gottes zu verkündigen.
Denn wer das Amt der Predigt übernimmt, der übernimmt zugleich eine Last von ewigem Gewicht. Er wird nicht nur nach seinem eigenen Wandel gefragt werden, sondern auch danach, was er den ihm anvertrauten Seelen vorgesetzt hat: War es die reine Milch des Wortes oder war es verwässerte, fade Kost, die niemanden sättigt und niemanden zur Buße ruft?
In unserer Zeit, die sich so gern modern und aufgeklärt nennt, hat sich eine beunruhigende Gleichgültigkeit in viele Kanzeln eingeschlichen. Man predigt freundlich, man predigt angenehm, man predigt so, dass niemand erschrickt und niemand aufbegehrt. Man spricht von Liebe, aber verschweigt die Heiligkeit. Man redet von Gottes Nähe, aber meidet das Wort vom Gericht. Man ermutigt zur Selbstannahme, aber scheut die Rede von Sünde und Buße.
Und so geschieht, was der Prophet Jeremia einst beklagte: „Sie heilen den Schaden meines Volkes nur obenhin, indem sie sagen: Friede! Friede!, und ist doch nicht Friede“ (Jeremia 6,14). Die Gute Nachricht Bibel übersetzt es so: „Sie tun so, als wären die Wunden meines Volkes nur leichte Schrammen. ›Alles steht gut‹, sagen sie, ›alles ist in Ordnung.‹ Aber nichts steht gut, nichts ist in Ordnung!“ Das ist laue Predigt – eine Predigt, die den Menschen in falscher Sicherheit wiegt, statt ihn zur rettenden Begegnung mit Christus zu führen.
Doch wer so predigt, der verkennt die Dringlichkeit der Stunde. Denn jede Predigt ist ein Ruf – entweder ein Ruf zu Christus oder ein Ruf in die Irre. Wenn das Wort nicht mehr schneidet, wenn es nicht mehr tröstet und zugleich richtet, wenn es nicht mehr den Menschen aus seiner Selbsttäuschung herausführt, dann verliert es seine Kraft.
Eine Predigt, die nicht zur Umkehr ruft, ist wie ein Leuchtturm ohne Licht: Er steht zwar da, aber er weist niemandem den Weg. Darum gilt es, die eigene Stimme zu prüfen: Diene ich dem Evangelium – oder meiner Bequemlichkeit? Suche ich Gottes Ehre – oder den Applaus der Menschen? Wer auf der Kanzel steht, darf nicht vergessen: Er steht unter dem Kreuz, nicht unter dem Beifall.
Doch woher kommt diese Lauheit? Sie entspringt, so meine ich, aus einem doppelten Mangel: dem Mangel an Gottesfurcht und dem Mangel an echtem Glauben an die Ewigkeit. Gottesfurcht ist nicht dasselbe wie Angst, die knechtet, sondern jene heilige Scheu, die den Menschen klein macht vor der Majestät des Allmächtigen. Sie ist das Bewusstsein, dass Gott nicht unser Kamerad ist, den wir nach unserem Bild formen können, sondern der Herr, der „ein verzehrendes Feuer“ ist (Hebräer 12,29).
Wer diese Furcht verliert, der verliert auch die Ehrfurcht vor dem Wort Gottes. Dann wird die Heilige Schrift nicht mehr als das lebendige, scharfe, zweischneidige Schwert behandelt (Hebräer 4,12), sondern als ein Textbaukasten, aus dem man sich nach Belieben bedient, um die eigenen Ideen zu stützen.
Und genau an diesem Punkt sind viele moderne Geistliche angekommen. Man hat sich so sehr daran gewöhnt, den Menschen nicht zu überfordern, dass man schließlich auch Gott nicht mehr überfordern möchte. Man spricht von einem „zeitgemäßen Glauben“, doch oft meint man damit nur einen Glauben, der niemandem mehr weh tut. Man scheut die Klarheit, weil sie anecken könnte; man vermeidet die Tiefe, weil sie Mühe macht; man umgeht die Schärfe des Wortes, weil sie als unpopulär gilt.
Und so wird das Evangelium zu einer sanften Hintergrundmusik, die zwar beruhigt, aber nicht mehr rettet. Doch ein Evangelium ohne Heiligkeit, ohne Gericht, ohne Buße ist nicht das Evangelium Jesu Christi – es ist eine menschliche Konstruktion, die den Himmel verspricht, aber den Weg dorthin verschweigt.
Denn am Ende wird uns vielerorts nicht mehr die Wahrheit gepredigt, sondern eine Lüge; eine gezielte Täuschung, die den Menschen einredet, sie seien auf gutem Wege, obwohl sie längst vom schmalen Pfad abgekommen sind. Man beruhigt die Gewissen, statt sie zu wecken; man streichelt die Seele, statt sie zu retten.
Diese Täuschung ist gefährlich, weil sie fromm klingt und doch gottlos ist. Sie spricht von Licht, aber führt in die Dunkelheit; sie verspricht Freiheit, aber lässt den Menschen in seinen Fesseln. Eine Predigt, die die Sünde verschweigt, ist keine Barmherzigkeit, sondern Verrat. Wer so redet, führt die Herde nicht zum Hirten, sondern in die Irre – und wird einst Rechenschaft geben müssen für jedes Wort, das er aus Bequemlichkeit oder Menschenfurcht verschwiegen hat.
Und zugleich schwindet auch der Glaube an die Realität des Gerichts. Viele Pastoren unserer Tage scheinen im Innersten nicht mehr damit zu rechnen, dass sie tatsächlich einmal vor dem Richterstuhl Christi erscheinen werden.
Paulus aber schreibt mit unerbittlicher Klarheit: „Denn wir alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse“ (2. Korinther 5,10). Diese Worte gelten nicht nur den Gemeindegliedern, sondern in besonderer Weise den Verkündigern. Jakobus warnt darum eindringlich: „Liebe Brüder, nicht jeder von euch soll ein Lehrer werden; ihr wisst, dass wir ein umso strengeres Urteil empfangen werden“ (Jakobus 3,1). Ein strengeres Urteil! Welch ein Wort! Es sollte jedem Prediger durch Mark und Bein gehen.
Und doch – es tut es nicht. Viele Prediger und Pastoren leben, als ginge sie dieses Wort nichts an. Man hört kaum ein Zittern, kaum eine heilige Scheu, kaum ein Bewusstsein dafür, dass jedes gesprochene Wort vor dem Richterstuhl Christi Bestand haben muss. Stattdessen begegnet man einer erstaunlichen Selbstsicherheit, ja manchmal sogar einer Gleichgültigkeit, als sei das Amt der Verkündigung ein Beruf wie jeder andere.
Man redet, als gäbe es keinen kommenden Tag, an dem der Herr fragt: „Was hast du meiner Herde gegeben?“ Diese geistliche Sorglosigkeit ist nicht harmlos; sie ist gefährlich. Denn wer das Gericht nicht mehr fürchtet, der fürchtet auch nicht mehr, die Herde irre zu führen.
Die Heilige Schrift kennt das Bild des Hirten, der für seine Herde Rechenschaft ablegen muss, sehr genau. Im Propheten Hesekiel spricht Gott zu den Hirten Israels, die ihre Aufgabe vernachlässigt haben: „Weh den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? … Die Schwachen stärkt ihr nicht, und die Kranken heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht“ (Hesekiel 34,2-4).
Gott selbst wird zum Anwalt der vernachlässigten Schafe und zieht die Hirten zur Verantwortung. Dieses Wort aus dem Alten Testament findet seine Erfüllung und Zuspitzung im Neuen Bund. Jesus Christus selbst ist der gute Hirte, der sein Leben lässt für die Schafe (Johannes 10,11).
Jeder Pastor, jeder Prediger steht in Seinem Dienst und hat von Ihm den Auftrag empfangen, die Herde zu weiden. Petrus schreibt darum an die Ältesten: „Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist … nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen“ (1. Petrus 5,2-4). Die Krone gibt es; aber nur für treue Hirten, die geweidet haben, wie es Christus gefällt.
Doch viele Pastoren und Prediger werden leer ausgehen. Sie haben die Herde nicht geweidet, sondern sich selbst; sie haben nicht Christus verkündigt, sondern ihre eigenen Gedanken; sie haben nicht zur Buße gerufen, sondern zur Selbstbestätigung. Und der Herr wird zu ihnen sprechen, was Er schon in der Bergpredigt angekündigt hat: „Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt …? Und dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch nie gekannt; weichet von mir, ihr Übeltäter!“ (Matthäus 7,22–23).
Welch ein furchtbares Wort! Es ist nicht für die Gottlosen draußen gesprochen, sondern für jene, die meinten, im Dienst Christi zu stehen – und doch nie wirklich unter Seinem Wort standen.
Was aber bedeutet es, zu weiden, wie es Christus gefällt? Es bedeutet zuallererst, Christus selbst zu verkündigen – nicht unsere Meinungen, nicht den Zeitgeist, nicht therapeutische Weisheiten, sondern den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Paulus schreibt an die Korinther: „Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten“ (1. Korinther 2,2). Das ist der Kern, das Herz, die Mitte jeder rechten Predigt: Christus. Sein stellvertretendes Leiden. Seine Auferstehung als Sieg über Sünde, Tod und Teufel. Seine Wiederkunft in Herrlichkeit. Wer das verschweigt oder verwässert, der entzieht den Seelen das Brot des Lebens.
Dazu gehört auch, die ganze Wahrheit zu sagen – nicht nur die angenehmen Teile. Es gehört dazu, von der Sünde zu reden, die uns von Gott trennt: „Denn alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten“ (Römer 3,23). Es gehört dazu, zur Umkehr zu rufen, wie es Jesus selbst tat: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Matthäus 4,17). Und es gehört dazu, das kommende Gericht nicht zu verschweigen, das unausweichlich über jeden Menschen kommt, der Christus nicht als Herrn anerkennt.
Jesus sagt: „Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet“ (Johannes 3,18). Das sind keine harten Worte um der Härte willen, sondern Worte des Lebens. Denn nur der, der die Gefahr erkennt, wird nach Rettung verlangen; nur der, der seine Verlorenheit sieht, wird den Retter suchen; nur der, der die Wahrheit hört, kann frei werden. Eine Predigt, die diese Wahrheit verschweigt, mag freundlich klingen – aber sie führt nicht zum Leben.
Leider ist in vielen Gemeinden eine Art theologischer Bequemlichkeit eingezogen. Man hat sich an einen Stil gewöhnt, der niemanden herausfordert, niemanden erschüttert, niemanden wirklich verändert. Man predigt Zuspruch ohne Anspruch, Gnade ohne Heiligung, Liebe ohne Wahrheit.
Doch die biblische Botschaft ist niemals einseitig: Sie tröstet die Zerbrochenen und erschüttert die Selbstzufriedenen. Sie richtet auf und ruft zugleich zur Umkehr. Sie ist für die einen „Wohlgeruch des Lebens zum Leben“ und für die anderen „Geruch des Todes zum Tode“ (2. Korinther 2,16). Eine Predigt, die allen gefällt und niemanden verstört, ist kaum noch eine Predigt des Evangeliums; sondern ein religiöses Beruhigungsmittel, das den Menschen schläfrig macht, wo er wach werden müsste.
Was wird geschehen, wenn diese Prediger einst vor dem Richterstuhl Christi stehen? Sie werden Rechenschaft geben müssen – nicht vor Menschen, nicht vor Bischöfen oder Synoden, sondern vor dem, „dessen Augen wie Feuerflammen sind“ (Offenbarung 1,14).
Vor Ihm bleibt nichts verborgen. „Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird“ (Lukas 12,2). Dann wird jedes Wort gewogen, jede Predigt geprüft, jede unterlassene Ermahnung ans Licht gebracht. Dann werden die Seelen, die durch laue Predigt in falscher Sicherheit gehalten wurden und verloren gingen, Zeugnis ablegen gegen jene, die ihnen nicht die Wahrheit sagten. Das ist eine erschütternde Vorstellung – und doch eine zutiefst biblische. Sie erinnert uns daran, dass Verkündigung niemals ein harmloses Tun ist, sondern ein Dienst von ewigem Gewicht, dessen Folgen bis in die Ewigkeit reichen.
Doch das Evangelium kennt auch eine andere Seite: die Gnade für den umkehrenden Prediger. Denn auch wir Verkündiger sind Sünder, die täglich der Vergebung bedürfen. Auch wir müssen immer wieder zum Kreuz zurückkehren – dorthin, wo unsere Lauheit, unsere Feigheit, unsere Menschenfurcht nicht entschuldigt, sondern vergeben wird.
„Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit“ (1. Johannes 1,9). Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er umkehre und lebe (Hesekiel 18,23): „Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?“
Das gilt auch für den Prediger, der seine Berufung verfehlt hat. Kein Hirte ist verloren, solange er noch den Weg zum Hirten findet. Es ist nie zu spät, umzukehren – solange die Tür der Gnade noch offensteht.
Darum mein Appell an alle Diener des Wortes: Wacht auf! Besinnt euch neu auf den heiligen Ernst eurer Berufung. Predigt Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen – nicht ein gezähmtes, harmloses Evangelium, sondern die ganze Wahrheit Gottes, auch wenn sie unbequem ist.
Fürchtet Gott mehr als Menschen, und rechnet damit, dass ihr einst vor Ihm stehen und Rechenschaft ablegen werdet. Lasst euch durch die Worte des Paulus ermahnen und zugleich ermutigen: „So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid“ (Epheser 4,1). Die Berufung zur Verkündigung ist hoch und heilig; sie verlangt unsere ganze Hingabe, unsere ganze Treue, unsere ganze Kraft – und sie verdient nichts weniger.
Möge der Herr uns allen die Gnade schenken, treu zu bleiben bis ans Ende. Möge Er uns bewahren vor Lauheit und Menschengefälligkeit und uns den Mut geben, Sein Wort ungekürzt und unverfälscht weiterzugeben. Möge Er unsere Herzen so formen, dass wir Ihm dienen, nicht uns selbst. Und möge Er uns an jenem Tag die Worte zurufen, nach denen sich jeder Diener sehnt: „Recht so, du guter und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!“ (Matthäus 25,23).
Gott befohlen. Pater Berndt

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