Titus 1,1-4: „Paulus, ein Knecht Gottes und ein Apostel Jesu Christi, nach dem Glauben der Auserwählten Gottes und der Erkenntnis der Wahrheit, die dem Glauben gemäß ist, in der Hoffnung auf das ewige Leben, das Gott, der nicht lügt, verheißen hat vor den Zeiten der Welt; aber zu seiner Zeit hat er sein Wort offenbart durch die Predigt, die mir anvertraut ist nach dem Befehl Gottes, unseres Heilands; an Titus, meinen rechten Sohn nach unser beider Glauben: Gnade und Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Heiland!“
Wenn der Apostel Paulus sich seinem geistlichen Sohn Titus vorstellt, dann geschieht dies nicht in menschlicher Eitelkeit oder um eigene Verdienste hervorzuheben. Nein, Paulus stellt sich vor als das, was er in der Tiefe seines Herzens und kraft göttlicher Berufung ist: „ein Knecht Gottes und ein Apostel Jesu Christi“. Bereits in diesen ersten Worten offenbart sich das ganze Geheimnis eines Lebens, das nicht mehr sich selbst gehört, sondern dem Herrn, der es erkauft hat mit seinem teuren Blut.
Ein Knecht – das klingt in unseren Ohren hart, beinahe erniedrigend. Wir sind doch gewohnt, von Selbstverwirklichung zu sprechen, von Autonomie und persönlicher Freiheit. Doch Paulus weiß: die wahre Freiheit liegt gerade in dieser heiligen Knechtschaft. Wer Christus dient, ist frei von der Tyrannei des eigenen Ichs, frei von der verzehrenden Sucht, sich selbst einen Namen zu machen, frei von der lastenden Angst, das eigene Leben müsse aus eigener Kraft Sinn und Bedeutung gewinnen. Der Knecht Gottes weiß sich gehalten, getragen, berufen – nicht aus sich selbst, sondern „nach dem Glauben der Auserwählten Gottes“.
Man mag es kaum glauben, und doch ist es so: selbst Christen haben mit der Bezeichnung und Berufung Knecht Gottes ihre Schwierigkeiten. Vielleicht, weil unser Herz sich instinktiv gegen alles sträubt, was nach Abhängigkeit klingt, vielleicht auch, weil wir vergessen haben, dass die Knechtschaft Christi keine Erniedrigung, sondern Erhöhung ist, kein Verlust, sondern Gewinn, kein Würdebruch, sondern die Wiederherstellung jener Würde, die nur der kennt, der sich seinem Herrn anvertraut. Denn wer sich Christus unterstellt, wird nicht kleiner, sondern wahrhaft frei, weil er endlich aufhört, sich selbst zum Mittelpunkt der Welt zu machen und sich dem anvertraut, der allein Herr ist und doch in unendlicher Liebe dient.
Hier berühren wir einen der tiefsten und zugleich tröstlichsten Gedanken der Heiligen Schrift: dass unser Glaube nicht unser eigenes Werk ist, nicht eine Leistung, auf die wir stolz sein könnten, sondern Gottes Gabe an seine Auserwählten. Die Erwählung Gottes ist kein kaltes Dekret eines fernen Richters, sondern die liebevolle Zuwendung des Vaters, der von Ewigkeit her sein Herz an uns gehängt hat. Schon bevor die Welt geschaffen wurde, hat Gott an Sie gedacht, hat er Sie geliebt, hat er beschlossen, Sie durch Christus zu seinem Kind zu machen. Diese Wahrheit soll unser Herz mit heiliger Freude und zugleich mit tiefer Demut erfüllen.
Und doch benehmen sich manche Christen so, als könne man den Glauben erarbeiten, als sei er das Ergebnis geistlicher Disziplin, moralischer Anstrengung oder religiöser Selbstoptimierung. Manchmal reden wir, als hinge alles an unserer Entschlossenheit, unserem Eifer, unserer Treue – und vergessen dabei, dass wir ohne Gottes Gnade weder glauben noch bleiben könnten. Wer so denkt, trägt eine Last, die Gott nie auf unsere Schultern gelegt hat.
Denn der Glaube ist nicht der Lohn unserer Mühe, sondern das Wunder seiner Barmherzigkeit; nicht das Ergebnis unseres Wollens, sondern die Frucht seines Erwählens; nicht unser Beitrag zu unserer Rettung, sondern das offene Herz, das empfängt, was Gott längst beschlossen hat zu schenken.
Paulus verbindet seinen Dienst mit „der Erkenntnis der Wahrheit, die dem Glauben gemäß ist“. Hier wird deutlich: Der christliche Glaube ist nicht blinde Schwärmerei, nicht ein Gefühl ohne Grund, nicht ein Sprung ins Dunkle. Nein, er gründet in der Wahrheit, in der geoffenbarten Wirklichkeit Gottes, wie sie uns in Jesus Christus begegnet. Diese Wahrheit ist nicht eine Sammlung abstrakter Lehrsätze, die man intellektuell für richtig halten könnte, ohne dass sie das Leben berührten. Die Wahrheit, von der Paulus spricht, ist eine lebendige Wahrheit, eine Wahrheit, die den ganzen Menschen ergreift und verwandelt, die Kopf und Herz, Verstand und Gewissen gleichermaßen in Anspruch nimmt.
Und wohin führt diese Wahrheit? Sie mündet „in der Hoffnung auf das ewige Leben“. Hier ist das Ziel aller göttlichen Wege mit uns benannt. Gott hat uns nicht geschaffen, damit wir ein paar Jahrzehnte auf dieser Erde verbrächten, um dann ins Nichts zu versinken. Nein, er hat uns zum ewigen Leben bestimmt, zu einer Gemeinschaft mit ihm, die stärker ist als der Tod, die alle Grenzen von Zeit und Raum überdauert. Diese Hoffnung ist nicht ein vages Wünschen oder frommes Wunschdenken, sondern sie gründet in der Verheißung dessen, „der nicht lügt“.
Umso trauriger ist es, dass viele Menschen von diesem ewigen Leben nichts wissen wollen; ja, dass selbst moderne Christen und Theologen heute dieses ewige Leben leugnen oder relativieren, als sei es ein überholtes Bild aus einer vergangenen Zeit. Man spricht von „diesseitiger Erfüllung“, von „Glauben im Hier und Jetzt“, von „Sinnfindung im Leben“, und all das hat seinen Platz – doch wenn die Hoffnung auf das ewige Leben verstummt, verliert das Evangelium seinen Glanz, seine Kraft, seine Richtung. Denn wer das ewige Leben aus dem Glauben streicht, nimmt Christus seine Auferstehung, nimmt dem Kreuz seinen Sieg und nimmt dem Herzen die Hoffnung, die stärker ist als der Tod.
„Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen.“
Noch ernster wird es, wenn wir bedenken, was Paulus in 1. Korinther 15 sagt: dass ohne die Auferstehung Christi unser Glaube leer wäre, unsere Predigt vergeblich und wir falsche Zeugen Gottes wären.
Mit anderen Worten: Wer das ewige Leben leugnet, sägt an der Wurzel des Evangeliums selbst. Denn die christliche Hoffnung ist nicht ein moralisches Ideal, nicht ein religiöses Gefühl, sondern sie steht und fällt mit der Tatsache, dass Christus wirklich auferstanden ist. Ohne diese Auferstehung gäbe es keine Vergebung, keine neue Schöpfung, keinen Trost im Sterben und keine Zukunft über den Tod hinaus. Doch weil Christus lebt, dürfen auch wir leben – jetzt schon im Glauben und einst in der Herrlichkeit.
Welch ein gewaltiger Trost liegt in diesen drei Worten: „Gott lügt nicht.“ In einer Welt, in der Täuschung und Verstellung, Halbwahrheiten und falsche Versprechungen alltäglich sind, gibt es einen, auf dessen Wort wir uns absolut verlassen können. Was Gott zusagt, das hält er. Was er verheißt, das erfüllt er. Seine Treue ist so fest wie die Grundfesten der Erde, ja fester noch, denn Himmel und Erde werden vergehen, aber Gottes Wort bleibt in Ewigkeit.
„Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Matthäus 24,35); „Herr, dein Wort bleibt ewiglich, so weit der Himmel reicht“ (Psalm 119,89); „Der (Gott) du das Erdreich gegründet hast auf festen Boden, dass es bleibt immer und ewiglich“ (Psalm 104,5).
Diese Verheißung des ewigen Lebens hat Gott gegeben „vor den Zeiten der Welt“. Ehe noch der erste Morgen dämmerte, ehe noch ein menschliches Herz schlug, hatte Gott bereits seinen Heilsplan gefasst. Das ewige Leben ist keine nachträgliche Korrektur, kein Plan B, den Gott entwickeln musste, als der Mensch in Sünde fiel.
Nein, von Anfang an, von Ewigkeit her, war es Gottes Absicht, uns zu retten, uns heimzuholen in seine Herrlichkeit. Diese Wahrheit soll uns mit heiligem Staunen erfüllen: dass der ewige Gott, der Schöpfer aller Dinge, sich schon vor aller Zeit mit unserem Heil beschäftigt hat, dass wir nicht ein zufälliges Produkt kosmischer Kräfte sind, sondern geliebte Geschöpfe eines Gottes, der uns haben will für Zeit und Ewigkeit.
Aber diese ewige Verheißung blieb nicht im Verborgenen. „Zu seiner Zeit“, sagt Paulus, „hat er sein Wort offenbart durch die Predigt“. Es gibt eine Zeit der Verborgenheit und eine Zeit der Offenbarung. Gott handelt nicht planlos, nicht chaotisch. Er hat seine Stunde, seinen Kairos, den rechten Zeitpunkt, an dem sein Ratschluss sichtbar wird. Und diese Zeit ist gekommen in Jesus Christus, in seinem Leben, seinem Sterben, seiner Auferstehung. In ihm ist das ewige Wort Fleisch geworden, ist die Verheißung zur greifbaren Wirklichkeit geworden, ist das Licht der Welt aufgegangen.
Und wie wird diese Offenbarung weitergegeben? Durch die Predigt. Nicht durch Philosophie, nicht durch mystische Erfahrungen, nicht durch religiöse Zeremonien zuerst, sondern durch das schlichte, gesprochene Wort. Gott hat es gefallen, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die glauben, wie Paulus an anderer Stelle schreibt. Welch eine Demütigung für menschliche Weisheit – und welch eine Ermutigung für jeden einfachen Christen! Denn das Evangelium ist nicht an besondere Bildung gebunden, nicht an intellektuelle Höhenflüge, nicht an religiöses Talent. Es ist ein Wort, das jeder hören, das jedes Herz verstehen kann, wenn er es nur will.
Paulus empfängt diesen Predigtauftrag nicht aus eigenem Antrieb, sondern „nach dem Befehl Gottes, unseres Heilands“. Hier wird der Ernst der apostolischen Sendung sichtbar. Paulus predigt nicht, weil es ihm Freude macht, nicht weil er gerne redet, nicht weil er sich berufen fühlt im psychologischen Sinne. Er predigt, weil Gott es ihm befohlen hat, weil er diesem Befehl nicht ausweichen kann, ohne ungehorsam zu werden.
Und beachten Sie: Gott wird hier bereits „unser Heiland“ genannt, noch bevor Christus erwähnt wird. Hier zeigt sich die Einheit des göttlichen Heilswillens. Der Vater ist nicht ein zorniger Gott, der durch den Sohn besänftigt werden müsste. Nein, der Vater selbst ist unser Heiland, er selbst will unser Heil, er selbst sendet seinen Sohn in die Welt.
Doch das bedeutet nicht, dass jeder die Berufung hat zu predigen. Heute sehen wir ein gefährliches Phänomen: Viele, ja zu viele Christen fühlen sich berufen zu predigen, obwohl sie den Auftrag Gottes nicht empfangen haben. Man verwechselt innere Regung mit göttlicher Sendung, persönliches Empfinden mit heiligem Befehl. Aber das reine Gefühl genügt nicht.
Wer ohne göttlichen Auftrag predigt, übernimmt eine Verantwortung, die er nicht tragen kann, und legt anderen Lasten auf, die Gott nicht geboten hat. Die Heilige Schrift zeigt uns klar, dass der Dienst am Wort nicht aus menschlichem Drang entsteht, sondern aus göttlicher Berufung, die prüfbar, bestätigbar und eingebettet ist in die Ordnung der Gemeinde. Wo diese Ordnung missachtet wird, entsteht Verwirrung, nicht Erbauung; Lärm, nicht Licht; Selbstbehauptung, nicht Dienst.
Gerade deshalb ist es so bedeutsam, wie Paulus an Titus schreibt, seinen „rechten Sohn nach unser beider Glauben“. Hier leuchtet die geistliche Vaterschaft auf, die nicht auf Fleisch und Blut beruht, sondern auf dem gemeinsamen Glauben. Titus ist nicht Paulus’ leiblicher Sohn, aber er ist ihm näher als mancher Blutsverwandte es sein könnte, denn sie sind verbunden in dem einen Glauben an den einen Herrn. Diese geistliche Vaterschaft ist ein kostbares Gut der Kirche. Wenn ältere Christen jüngere im Glauben anleiten, wenn Erfahrene Suchende begleiten, wenn Gereifte Anfänger ermutigen, dann geschieht etwas von dem, was Paulus hier beschreibt. Es entsteht eine Familie, die tiefer reicht als jede natürliche Verwandtschaft, weil sie in Christus gegründet ist.
Der Brief schließt mit dem apostolischen Gruß: „Gnade und Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Heiland.“ Gnade und Friede – das sind nicht nur höfliche Wünsche, wie wir einander „alles Gute“ wünschen mögen. Das sind die beiden großen Gaben, die Christus uns erworben hat. Gnade – das ist Gottes unverdiente Zuwendung zu uns Sündern, seine Liebe, die nicht fragt nach unseren Leistungen, sondern sich schenkt aus reiner Güte. Friede – das ist die Versöhnung mit Gott, das Ende der Feindschaft, die Ruhe des Gewissens, die Gewissheit, dass zwischen uns und Gott alles in Ordnung ist durch das Blut Jesu Christi.
Diese Gabe kommt von zwei Quellen, die doch eins sind: von Gott, dem Vater, und von Christus Jesus, unserem Heiland. Wieder dieser Titel: Heiland. Nicht nur Lehrer, nicht nur Vorbild, nicht nur Prophet – Heiland, Retter, der uns herausholt aus Schuld und Tod. Und beachten Sie: Es heißt „unser“ Heiland. Christus ist nicht ein ferner Heiland, der irgendwelchen Menschen irgendwo hilft. Er ist unser Heiland, Ihr Heiland, mein Heiland, der sich persönlich zu Ihnen und zu mir herabneigt und spricht: „Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“ (Lukas 19,10).
Was bedeutet nun dieser ganze Text für unser Leben heute? Er erinnert uns daran, dass unser Christsein nicht in uns selbst gründet, sondern in Gottes ewigem Ratschluss, in seiner Erwählung, in seiner Verheißung, die nicht lügt. Er ruft uns zu einem Dienst, der nicht Selbstverwirklichung sucht, sondern sich als Knecht Gottes versteht. Er weist uns hin auf die Predigt als das von Gott eingesetzte Mittel, durch das sein Wort zu uns kommt. Und er schenkt uns Gnade und Friede von dem Gott, der unser Vater ist, und dem Christus, der unser Heiland ist.
In einer Zeit, in der so viele Menschen nach Sinn suchen, nach Halt, nach Gewissheit, dürfen wir wissen: Es gibt einen, der vor aller Zeit an uns gedacht hat, der sein Wort zu seiner Zeit offenbart hat, der uns durch die Predigt ruft und der uns Gnade und Friede schenkt. Dieser eine ist Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
Liebe Seele, wenn du heute zweifelst, ob dein Glaube stark genug ist, ob deine Frömmigkeit ausreicht, ob du wirklich zu den Erwählten gehörst – dann höre: Dein Glaube ist nicht dein Werk, sondern Gottes Gabe. Deine Frömmigkeit trägt dich nicht, sondern Christus trägt dich. Deine Erwählung gründet nicht in dir, sondern in Gottes ewigem Erbarmen. Du darfst getrost sein und Frieden haben. Dein Heiland lebt, und du lebst in ihm. Amen.
Gott befohlen. Pater Berndt
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