Titus 1, 5-9: „Deswegen ließ ich dich in Kreta, dass du vollends ausrichten solltest, was noch fehlt, und überall in den Städten Älteste einsetzen, wie ich dir befohlen habe: wenn einer untadelig ist, Mann einer einzigen Frau, der gläubige Kinder hat, die nicht im Ruf stehen, liederlich oder ungehorsam zu sein. Denn ein Bischof soll untadelig sein als ein Haushalter Gottes, nicht eigensinnig, nicht jähzornig, kein Säufer, nicht streitsüchtig, nicht schändlichen Gewinn suchen; sondern gastfrei, gütig, besonnen, gerecht, fromm, enthaltsam; er halte sich an das Wort der Lehre, das gewiss ist, damit er die Kraft habe, zu ermahnen mit der heilsamen Lehre und zurechtzuweisen, die widersprechen.“

Nachdem Paulus die große, ewige Grundlage unseres Glaubens vor Augen gestellt hat, wendet er sich nun den ganz konkreten, irdischen Aufgaben zu. Und hier zeigt sich eine wunderbare Wahrheit: Der Gott der Ewigkeit kümmert sich um die Ordnung seiner Gemeinde hier auf Erden. Es ist derselbe Apostel, der von der Verheißung vor den Zeiten der Welt sprach, der nun mit nüchterner Klarheit über die Einsetzung von Ältesten, Bischöfen, Pastoren redet. Das Himmlische und das Irdische, die Ewigkeit und die Zeit, die Lehre und das Leben – sie gehören zusammen im Willen Gottes.

Deswegen ließ ich dich in Kreta, dass du vollends ausrichten solltest, was noch fehlt, und überall in den Städten Älteste einsetzen, wie ich dir befohlen habe. Paulus hatte auf Kreta gepredigt, hatte dort das Evangelium verkündigt, und Menschen waren zum Glauben gekommen. Aber die Arbeit war nicht vollendet. Es fehlte noch etwas Entscheidendes: die Ordnung der Gemeinde, die Einsetzung von Ältesten, die geistliche Leitung.

Hier sehen wir: Eine Gemeinde ist nicht einfach eine Ansammlung von gläubigen Menschen, die sich gelegentlich treffen. Eine christliche Gemeinde braucht Ordnung, braucht Leitung, braucht Menschen, die das Amt der Wortverkündigung und der geistlichen Aufsicht übernehmen.

Diese Ordnung ist nicht menschliche Willkür, sondern apostolischer Befehl. Paulus sagt ausdrücklich: „wie ich dir befohlen habe“. Das Amt in der Kirche ist nicht eine später hinzugekommene Erfindung, nicht eine Anpassung an weltliche Organisationsformen, sondern von Anfang an von den Aposteln eingesetzt und geboten. Und doch – und das ist wichtig – ist dieses Amt kein Herrschaftsinstrument, keine Macht über die Gewissen, sondern ein Dienst an der Gemeinde, ein Hirtenamt zum Wohl der anvertrauten Seelen.

Was Titus noch ausrichten sollte, macht sichtbar, dass die Kirche Christi nie ein fertiges Werk ist, sondern ein Leib, den der Herr fortwährend ordnet, läutert und zur Vollendung führt; immer bleibt etwas, das aufgerichtet, gestärkt oder zurechtgebracht werden muss, weil Christus seine Gemeinde in der Zeit formt, bis sie in der Ewigkeit vollendet dasteht.

Die Gemeinde Christi ist kein abgeschlossenes Bauwerk, sondern ein lebendiger Leib, der wächst, der genährt und behütet werden muss und der der beständigen Fürsorge des Herrn bedarf; und Gott bedient sich dazu seiner Knechte, der von ihm berufenen Diener, die nicht aus eigener Eingebung handeln, sondern im Gehorsam gegenüber dem apostolischen Auftrag und unter der Autorität seines heiligen Wortes.

Titus soll „überall in den Städten Älteste einsetzen“. Damit wird sichtbar: Die Kirche Jesu Christi ist keine unsichtbare, weltfremde Idee, sondern sie nimmt konkrete Gestalt an in den Städten, in den Orten, an denen Menschen leben, arbeiten und ihre täglichen Wege gehen. Überall dort, wo Christus seine Gemeinde sammelt, braucht es Älteste, geistliche Väter, Hirten, die über die Herde wachen. Bischöfe, Pastoren und Diakone – Männer, die von Gott berufen sind, die Gemeinde zu leiten, zu lehren und zu dienen. Und nun beginnt Paulus, mit großer Klarheit zu beschreiben, welche Art von Menschen für dieses heilige Amt tauglich ist.

„Wenn einer untadelig ist“ – so beginnt Paulus, und damit nennt er die erste und grundlegende Voraussetzung. Untadelig heißt nicht sündlos, denn kein Mensch könnte das von sich behaupten; aber es bedeutet, dass gegen den Lebenswandel dieses Mannes keine berechtigte Anklage erhoben werden kann, dass sein Leben in erkennbarer Übereinstimmung steht mit dem Evangelium, das er verkündigen soll. Ein Ältester, ein Bischof, ein Pfarrer ist kein vollkommener Mensch, doch er soll ein Mann sein, dessen Leben das Evangelium nicht widerlegt, sondern bestätigt, dessen Wandel nicht Anstoß gibt, sondern Zeugnis ablegt von der Wahrheit, die er predigt.

Schauen wir auf manche Gestalten, die sich heute „Pastoren“ nennen, so erkennen wir, wie weit sich vieles von dem entfernt hat, was Paulus beschreibt. Gott beruft keine Selbstdarsteller, keine Bühnenfiguren, keine Menschen, die das heilige Amt zur Projektionsfläche eigener Identität machen. Solche beruft Paulus nicht, und solche sind nicht Gottes Wille.

Der Herr ruft Männer, deren Leben vom Evangelium geformt ist, deren Dienst nicht sich selbst, sondern Christus dient, und deren Erscheinung nicht Aufmerksamkeit erheischt, sondern Ehrfurcht vor dem heiligen Auftrag weckt.

Und Nein, das hat nichts mit Diskriminierung zu tun, denn die Kirche Christi richtet sich nicht nach den Empfindungen, Stimmungen oder Meinungen der Welt, sondern nach dem Wort Gottes, das über uns steht und uns bindet. Wo Gott spricht, endet menschliche Selbstherrlichkeit; wo die Heilige Schrift Maßstab ist, verliert die Zeit ihren Anspruch, die Ordnung Gottes umzudeuten. Unsere Aufgabe ist nicht, das Evangelium an den Zeitgeist anzupassen, sondern uns selbst unter die Autorität des Herrn zu stellen, der seine Gemeinde durch sein Wort leitet.

Die beiden Personen auf dem Bild mögen sich Pastoren nennen, doch sie entsprechen nicht dem Bild des Hirten, das uns die Heilige Schrift vor Augen stellt. Nicht jeder, der ein geistliches Gewand trägt, ist darum ein Diener Christi. Paulus macht unmissverständlich deutlich, dass Gott Männer beruft, deren Leben, Haltung und Dienst dem Evangelium entsprechen und nicht dem Geist der Finsternis, der das Heilige verzerrt und entstellt. Es geht nicht um äußere Formen, sondern um die Treue zu Christus, um ein Leben unter seinem Wort, um einen Dienst, der nicht sich selbst inszeniert, sondern den Herrn ehrt. Viele tragen ein geistliches Gewand, aber nur wenige tragen das Herz eines Dieners Christi.

Gerade an solchen Erscheinungen wird sichtbar, wie notwendig die geistliche Prüfung ist, die Paulus fordert. Denn wo das Amt entstellt wird, muss die Gemeinde umso entschiedener zu den Maßstäben der Heiligen Schrift zurückkehren.

Und so führt Paulus uns weiter hinein in die konkrete Beschreibung dessen, was einen wahren Hirten Christi auszeichnet: „Mann einer einzigen Frau“ – ein Maßstab, der die eheliche Treue ins Zentrum rückt. In einer Zeit, in der Polygamie und Untreue verbreitet waren, stellt Paulus klar, dass der geistliche Leiter in seiner Ehe ein Vorbild der Treue sein soll. Die Ehe ist ein Bild für die Treue Christi zu seiner Gemeinde, und wer in der Gemeinde führen soll, muss diese Treue zuerst im eigenen Haus leben. Wie könnte jemand die Braut Christi hüten, wenn er seiner eigenen Frau nicht treu ist.

Wenn Paulus solche Maßstäbe an das Leben eines Hirten legt, dann nicht, um Lasten aufzubürden, sondern um die Gemeinde zu schützen. Denn wer im Amt steht, soll in seinem eigenen Haus zeigen, dass er die Gabe besitzt, Menschen zu führen und ihnen geistlich vorzustehen.

Darum richtet Paulus den Blick nun auf die Familie des Ältesten: „Die Kinder sollen gläubig sein und „nicht im Ruf stehen, liederlich oder ungehorsam zu sein“. Hier wird ein wichtiges Prinzip deutlich: Wer sein eigenes Haus nicht recht zu leiten vermag, wie sollte der für die Gemeinde Gottes sorgen können? Die Familie ist gleichsam die erste Gemeinde, in der sich zeigt, ob jemand die Gaben hat, Menschen zu führen, zu lehren, zu ermahnen und zu trösten.

Ein Mann, dessen Kinder in offenem Ungehorsam und Liederlichkeit leben, hat sich als unfähig erwiesen, die geistliche Verantwortung für andere zu tragen. Das ist keine Härte, sondern weise Fürsorge – sowohl für die Gemeinde als auch für den Mann selbst, dem man keine Last auflegen soll, die er nicht tragen kann.

Nun wird der Blick geweitet. „Denn ein Bischof soll untadelig sein als ein Haushalter Gottes.“ Der Bischof, der Älteste, der Pfarrer ist nicht Herr der Gemeinde, sondern Haushalter. Ein Haushalter verwaltet, was ihm anvertraut ist, aber es gehört ihm nicht. Die Gemeinde ist nicht sein Eigentum, sondern Gottes Volk. Das Wort ist nicht seine Weisheit, sondern Gottes Offenbarung. Das Amt ist nicht seine Macht, sondern sein Dienst. Diese Unterscheidung ist von größter Wichtigkeit. Wo Amtsträger vergessen, dass sie nur Haushalter sind, da entsteht geistlicher Missbrauch, da wird aus dem Hirtenstab eine Peitsche, da wird aus der Kirche eine Tyrannei.

Ein Haushalter Gottes – welch hohe Verantwortung, und welch große Ehre zugleich! Gott selbst vertraut uns das Kostbarste an, was er hat: sein Wort, seine Sakramente, seine geliebten Kinder. Und er erwartet, dass wir treu damit umgehen, dass wir nicht verschwenden, was uns anvertraut ist, nicht verfälschen, nicht vorenthalten, sondern austeilen nach seinem Willen.

Und doch zeigt die Geschichte der Kirche – wie auch die Gegenwart –, dass dort, wo Menschen vergessen, dass sie nur Haushalter sind, immer wieder geistlicher Missbrauch entsteht. Wenn das Amt zur Bühne wird, das Wort zur Waffe, die Gemeinde zum Besitz und die Autorität zum Werkzeug eigener Interessen, dann wird das Heilige verdunkelt und die Herde verwundet. Solches ist nicht der Wille Gottes. Darum mahnt Paulus mit solcher Schärfe zur Treue, zur Demut und zur Verantwortung: Wer Haushalter Gottes ist, darf niemals Herr über die Seelen werden, sondern muss Diener des Wortes bleiben.

Und weil vielerorts die Gemeinde nicht mehr unter der Ordnung des Wortes Gottes steht, sondern sich von einer offenen, liberalen Struktur leiten lässt, werden Menschen in geistliche Ämter berufen, die nach den Maßstäben der Heiligen Schrift gar nicht geeignet sind.

Wo das Amt nicht mehr an Gottes Kriterien gebunden ist, sondern an menschliche Sympathien, gesellschaftliche Trends oder ideologische Programme, da öffnet sich die Tür für geistlichen Missbrauch – und nicht selten auch für sexuellen Missbrauch. Ach, würden wir dem Wort Gottes mehr gehorchen, seine Ordnung achten und seine Maßstäbe ernst nehmen, es gäbe gewiss weniger Wunden, weniger Verirrung, weniger Leid in der Kirche.

Nun folgt eine Reihe von Eigenschaften, die der Bischof nicht haben soll: „nicht eigensinnig, nicht jähzornig, kein Säufer, nicht streitsüchtig, nicht schändlichen Gewinn suchen“. Jede dieser negativen Bestimmungen ist bedeutsam und warnt vor einer bestimmten Versuchung des geistlichen Amtes.

Nicht eigensinnig – damit macht Paulus unmissverständlich deutlich, dass der geistliche Leiter kein Selbstherrscher ist, der seinen eigenen Willen durchsetzen will. Er steht unter dem Wort Gottes, nicht über ihm, und er dient der Gemeinde, auch wenn er ihr zuweilen widersprechen muss. Eigensinn ist das Gegenteil von Gehorsam; und ein Bischof, ein Ältester, ein Pfarrer muss zuerst selbst gehorsam sein gegenüber Gott, ehe er Gehorsam von anderen erwarten darf. Wer sich selbst zum Maßstab macht, kann die Herde nicht führen; wer aber unter dem Wort steht, kann ihr ein wahrer Hirte sein.

Nicht jähzornig – damit beschreibt Paulus einen weiteren Wesenszug, der für einen Hirten Christi unverzichtbar ist. Der unbeherrschte Zorn hat in der Seelsorge keinen Raum. Gewiss, es gibt einen heiligen Zorn über Sünde und Ungerechtigkeit, doch der jähzornige Mensch, der bei jeder Kleinigkeit aufbraust und sich nicht im Zaum halten kann, verletzt die Schafe, statt sie zu heilen. Ein Hirte braucht Geduld, Langmut und die Fähigkeit, auch mit schwierigen Menschen in Sanftmut umzugehen; denn wer die Herde Christi führen soll, muss zuerst sich selbst beherrschen können.

Kein Säufer – dieses Wort bedarf kaum vieler Erläuterung, und doch ist seine Bedeutung von größter Schwere. Wer dem Wein verfallen ist, wer die Nüchternheit verliert, verliert zugleich die Klarheit des Denkens, die Fähigkeit zur rechten Lehre und die Wachsamkeit, die ein Hirte der Gemeinde braucht. Der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann; darum muss der Hirte nüchtern, gesammelt und wachsam sein. Ein Mann, der sich vom Rausch beherrschen lässt, kann die Herde Christi nicht schützen, denn er hat sich selbst aus der Hand gegeben.

Nicht streitsüchtig – wie viel Verwüstung hat die Streitsucht in der Kirche angerichtet. Gewiss, es gibt Zeiten, in denen um der Wahrheit willen gestritten werden muss; doch der streitsüchtige Mensch liebt den Streit um seiner selbst willen. Er sucht den Konflikt, statt den Frieden, er entzündet Spaltungen, wo Heilung nötig wäre. Ein Hirte Christi aber soll kein Unruhestifter sein, sondern ein Friedensstifter, einer, der verbindet, heilt und versöhnt. Denn wer die Gemeinde leitet, darf nicht vom Geist des Streites beherrscht sein, sondern vom Geist Christi, der die Seinen zum Frieden ruft.

Nicht schändlichen Gewinn suchen – welch ernste und zugleich hochaktuelle Warnung! Das geistliche Amt darf niemals zum Weg persönlicher Bereicherung werden. Gewiss, der Arbeiter ist seines Lohnes wert, und die Gemeinde soll diejenigen, die ihr im Wort dienen, auch materiell tragen. Doch wer das Amt um des Geldes willen sucht, wer die Verkündigung des Evangeliums zu einem Geschäft macht, der verrät seinen Auftrag und wird zum Mietling, nicht zum Hirten, wie der Herr selbst sagt. Ein wahrer Diener Christi lebt nicht vom Evangelium, um sich zu bereichern, sondern er dient dem Evangelium, damit Christus groß werde und die Gemeinde genährt werde.

Leider zeigt die Geschichte der Kirche – und auch die Gegenwart –, dass selbst hohe Amtsträger wie Bischöfe oder Kardinäle immer wieder in Prunk und äußerem Glanz leben, statt in der Demut, zu der Christus ruft. Wo das Herz mehr an weltlicher Ehre hängt als an der Furcht des Herrn, wo Reichtum und Ansehen wichtiger werden als Treue und Dienst, dort verliert das Amt seine geistliche Kraft. Solches Leben widerspricht dem Wesen eines Haushalters Gottes. Denn wer das Heilige verwaltet, soll nicht die Welt lieben und es offen zeigen, sondern in Einfachheit, Bescheidenheit und Ehrfurcht vor dem Herrn wandeln.

Nun wendet sich Paulus den positiven Eigenschaften zu, die ein Bischof haben soll: „gastfrei, gütig, besonnen, gerecht, fromm, enthaltsam“. Hier wird ein schönes Bild gezeichnet von einem Menschen, der Christus ähnlich geworden ist, der die Früchte des Geistes trägt.

Gastfrei – damit beschreibt Paulus eine Tugend, die im Leben eines Hirten Christi unverzichtbar ist. In der Welt des Neuen Testaments war Gastfreundschaft nicht bloß eine höfliche Geste, sondern ein Ausdruck gelebter Liebe. So soll auch der Bischof, der Älteste, der Pfarrer sein Haus, sein Herz und seine Zeit öffnen. Er soll nicht verschlossen oder abweisend sein, sondern einladend, warmherzig, bereit zu teilen, was Gott ihm anvertraut hat. In der Gastfreundschaft wird die Liebe nicht theoretisch, sondern sichtbar, greifbar, konkret; sie ist eine der einfachsten und zugleich tiefsten Formen christlicher Nächstenliebe.

Gütig – welch ein herrliches Wort, denn es beschreibt eine Eigenschaft Gottes selbst, der gütig ist gegen Undankbare und Böse. Diese göttliche Güte soll der Bischof widerspiegeln: eine Milde im Urteil, eine Großherzigkeit in der Vergebung, eine Barmherzigkeit im Umgang mit den Schwachen. Güte ist keine Schwäche, sondern eine stille, starke Kraft, die sich im Dienst am Nächsten zeigt. Sie ist die Liebe in ihrer sanften Gestalt, die den Menschen nicht niederdrückt, sondern aufrichtet.

Besonnen – damit meint Paulus die geistliche Nüchternheit, die Fähigkeit, inmitten vieler Stimmen und Strömungen klar zu unterscheiden. Der besonnene Mensch läuft nicht jedem Wind der Lehre nach, er folgt nicht jeder Mode, er verfällt nicht in Extreme. Er lässt sich weder von Gefühlen überwältigen noch von Stimmungen treiben, sondern handelt aus gereifter Erkenntnis und ruhiger Überlegung. Besonnenheit ist die Tugend des Mannes, der unter dem Wort steht und darum fest bleibt, wenn andere schwanken.

Gerecht – damit fordert Paulus, dass der Bischof ein Mensch der Gerechtigkeit sei, einer, der kein Ansehen der Person kennt. Er soll Arme wie Reiche, Mächtige wie Schwache gleich behandeln, unbeeinflusst von Vorteil, Druck oder Bestechung. Ein gerechter Hirte tut, was recht ist vor Gott und Menschen, weil sein Maßstab nicht menschliche Erwartungen sind, sondern der Wille des Herrn. Gerechtigkeit ist die Haltung des Mannes, der sich nicht kaufen lässt, der nicht parteiisch urteilt, sondern der Wahrheit dient, auch wenn sie kostet.

Fromm – wahre Frömmigkeit ist keine Schau und kein äußerer Schein, sondern ein Leben in der Gegenwart Gottes. Sie wächst aus der innigen Gemeinschaft mit ihm, aus dem Hören auf sein Wort und aus dem stillen, treuen Gebet. Ein Bischof muss vor allem ein Mensch sein, der Gott fürchtet und liebt, einer, der seine Kraft nicht aus sich selbst nimmt, sondern aus der Quelle des Lebens. Frömmigkeit ist das verborgene Fundament des Dienstes: Ohne sie wird das Amt leer, mit ihr aber wird es getragen von der Nähe des Herrn.

Enthaltsam – damit meint Paulus die geistliche Selbstbeherrschung, die Fähigkeit, den eigenen Begierden nicht nachzugeben, sondern Herr über sich selbst zu sein. Wer sich selbst nicht zu führen vermag, kann auch andere nicht leiten. Enthaltsamkeit ist die innere Zucht des Menschen, der unter dem Wort steht: Er lässt sich nicht von Leidenschaften treiben, nicht von Impulsen beherrschen, sondern ordnet sein Leben der Wahrheit Gottes unter. So wird er frei, der Herde Christi in Klarheit und Reinheit vorzustehen.

Und nun kommt das Entscheidende, gleichsam die Krone aller Eigenschaften: „Er halte sich an das Wort der Lehre, das gewiss ist.“ Hier liegt das Fundament des geistlichen Amtes. Alle genannten charakterlichen Eigenschaften sind wichtig, aber wenn diese eine fehlt, sind alle anderen nichtig. Der Bischof muss sich an das Wort halten, an die apostolische Lehre, an die gesunde Unterweisung, die von den Aposteln überliefert ist.

Doch gerade hier zeigt sich in unserer Zeit eine tiefe Not: Viele Bischöfe und Pastoren halten sich nicht mehr fest an das zuverlässige Wort. Eine lässige, schlendernde Art im Umgang mit der Schrift hat sich eingeschlichen – man will den Menschen gefallen, statt Gott zu gehorchen. Wo das Wort Gottes relativiert wird, wo die apostolische Lehre zugunsten des Zeitgeistes verwässert wird, verliert das Amt seine Kraft. Denn ein Hirte, der nicht mehr unter dem Wort steht, kann die Gemeinde nicht schützen; er wird zum Echo der Welt, nicht zum Zeugen Christi.

„Das gewiss ist“ – welch ein Trost! In einer Welt voller Unsicherheit, voller Zweifel, voller wechselnder Meinungen gibt es ein Wort, das gewiss ist, auf das man sich verlassen kann, das nicht heute so und morgen anders lautet. Dieses Wort ist die Heilige Schrift, die Offenbarung Gottes, und der Bischof ist an dieses Wort gebunden. Er darf nicht nach Belieben lehren, nicht seine eigenen Gedanken verkündigen, nicht dem Zeitgeist huldigen, sondern er muss sich an das Wort halten, das gewiss ist.

Und wozu dient dieses Festhalten am gewissen Wort? „Damit er die Kraft habe, zu ermahnen mit der heilsamen Lehre und zurechtzuweisen, die widersprechen.“ Hier werden die beiden Seiten des Hirtenamtes genannt: das positive Ermahnen und das notwendige Zurechtweisen.

„Zu ermahnen mit der heilsamen Lehre“ – die Ermahnung ist nicht Schelte, nicht Tadel um des Tadelns willen, sondern sie geschieht mit der heilsamen Lehre, mit dem Wort, das heilt, das aufrichtet, das zum Leben führt. Der Bischof ist gleichsam ein Arzt der Seelen, und sein Heilmittel ist das Evangelium. Er ermahnt nicht aus eigener Weisheit, nicht mit moralischen Appellen, die nur belasten, sondern er weist hin auf Christus, auf seine Gnade, auf seine Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.

„Und zurechtzuweisen, die widersprechen“ – aber es gibt auch die andere Aufgabe: die Irrlehrer zurückzuweisen, die falschen Propheten zu entlarven, diejenigen zurechtzuweisen, die der gesunden Lehre widersprechen. Diese Aufgabe ist heute oft unbeliebt. Man will niemanden vor den Kopf stoßen, niemanden ausschließen, alle Meinungen gleichermaßen gelten lassen.

Aber Paulus sieht es anders: Wo die Wahrheit auf dem Spiel steht, da muss der Bischof, der Pastor widersprechen, da muss er klar Stellung beziehen, da muss er die Herde vor den Wölfen schützen.

Beachten wir: Sowohl das Ermahnen als auch das Zurechtweisen geschieht nicht aus eigener Kraft. Paulus sagt ausdrücklich, dass der Bischof „die Kraft haben“ soll – und diese Kraft erwächst allein aus dem Festhalten am gewissen Wort. Wer selbst tief im Wort Gottes verwurzelt ist, wer täglich aus dieser Quelle trinkt, der empfängt die geistliche Stärke, andere zu ermutigen, zu ermahnen und Irrende zurechtzuweisen. Doch wer selbst schwankt, wer innerlich unsicher ist und nicht weiß, worauf er sein eigenes Leben gründen soll, der kann auch anderen keinen Halt geben. Nur der, der selbst getragen wird vom Wort, kann zum Träger für andere werden.

Was bedeutet dieser ganze Abschnitt für uns heute? Zunächst zeigt er uns, wie ernst es Gott mit der Ordnung seiner Gemeinde ist. Die Kirche ist kein ungeordneter Haufen, in dem jeder tut, was ihm gefällt, sondern ein Haus Gottes, in dem jeder seinen Platz und seinen Dienst hat. Die Einsetzung von Ältesten und geistlichen Leitern ist nicht eine menschliche Erfindung, sondern gehört zum Wesen der Kirche selbst. Wo diese Ordnung vernachlässigt wird, verliert die Gemeinde ihre geistliche Gestalt.

Zweitens macht dieser Text deutlich, welch hohe Anforderungen Gott an das geistliche Amt stellt. Es ist kein Amt für jedermann, keine Position, die man sich nimmt oder beansprucht. Es verlangt einen Lebenswandel, der dem Evangelium entspricht, eine geordnete Familie, einen durch Gottes Gnade geformten Charakter und vor allem ein festes Stehen im Wort Gottes. Ohne diese innere und äußere Bewährung wird das Amt zur leeren Hülle.

Drittens zeigt uns dieser Abschnitt, worauf wir als Gemeinde achten sollen, wenn geistliche Leiter gesucht werden. Nicht auf Eloquenz, nicht auf akademische Titel, nicht auf Beliebtheit oder Charisma, sondern auf die hier genannten Eigenschaften: ein untadeliger Wandel, eine geordnete Familie, christliche Tugenden und vor allem das Festhalten am gewissen Wort der Lehre. Die Kirche darf sich nicht von äußeren Eindrücken leiten lassen, sondern muss sich an Gottes Maßstäben orientieren.

Und schließlich lehrt uns dieser Text, dass das Hirtenamt zwei Seiten hat: ermahnen und zurechtweisen, trösten und warnen, aufrichten und korrigieren. Ein Hirte, der nur ermahnt, aber nie zurechtweist, lässt die Wölfe in die Herde eindringen. Ein Hirte, der nur zurechtweist, aber nicht tröstet und stärkt, zerbricht die Schafe. Beides gehört zusammen, und beides geschieht aus dem einen Wort Gottes, das gewiss ist. Nur wer selbst unter diesem Wort steht, kann es anderen in rechter Weise dienen.

Liebe Seele, vielleicht stehst du selbst in einem geistlichen Amt oder trägst Verantwortung in der Gemeinde. Dann lass dich durch diesen Text zugleich prüfen und ermutigen. Prüfen, ob dein Leben dem Evangelium entspricht, ob du fest gegründet bist im gewissen Wort der Lehre. Ermutigen, weil nicht du es bist, der die Gemeinde aus eigener Kraft trägt, sondern Christus selbst, der durch sein Wort wirkt und dir die Kraft schenkt zu deinem Dienst.

Oder du gehörst zur Gemeinde ohne besonderes Amt – dann bete für deine geistlichen Leiter, achte darauf, dass sie nach den Maßstäben der Heiligen Schrift ausgewählt werden, und danke Gott für jeden treuen Hirten, der sich an das zuverlässige Wort hält und die Herde Christi weidet. Die Gemeinde lebt nicht von menschlicher Begabung, sondern von Männern, die unter dem Wort stehen und es in Treue weitergeben.

Und sei gewiss: Über allen menschlichen Hirten steht der eine gute Hirte, Jesus Christus, der sein Leben für die Schafe gelassen hat und der niemals aufhört, für dich zu sorgen. Er ist der wahre Wächter deiner Seele, der dich führt, trägt und bewahrt – heute und alle Tage. Amen.

Gott befohlen. Pater Berndt