In einer Welt, die Toleranz predigt, aber Christus ablehnt, steht der Glaube vor einer Zerreißprobe. Was bedeutet echte Toleranz – und wo wird sie zur Forderung nach bedingungsloser Zustimmung?
Es ist eine merkwürdige Zeit, in der wir leben. Eine Zeit, in der das Wort „Toleranz“ in aller Munde ist, und doch erleben wir zugleich eine bemerkenswerte Intoleranz gegenüber dem, was Christen seit zweitausend Jahren bezeugen. Jesus spricht: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Johannes 14,6). Der Anspruch, dass es eine absolute, unverhandelbare Wahrheit gibt, wird heute nicht nur bestritten, sondern oft als anmaßend und sogar gefährlich empfunden. Wer öffentlich bekennt, dass Wahrheit nicht relativ ist, wird schnell zum Außenseiter erklärt – zum Fundamentalisten, zum Störenfried einer modernen Toleranz, die alles gelten lässt, außer dem Anspruch auf Wahrheit.
Doch was ist das für eine Toleranz, die alles duldet, nur nicht den Glauben an den lebendigen Gott? Was ist das für eine Freiheit, die jeden Lebensstil akzeptiert, aber das Evangelium zum Schweigen bringen will? Wir stehen heute vor einer Situation, die uns an die Worte des Apostels Paulus erinnert: „Es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren“ (2. Timotheus 4,3-4). Diese Zeit ist nicht mehr ferne Zukunft – sie ist angebrochen.
Ist die Botschaft Jesu wirklich so gefährlich, dass man sie bekämpfen muss? Gewiss, in der Heiligen Schrift wird die Sünde als Sünde benannt – und genau das will die Welt nicht hören. Denn das Evangelium stellt den Menschen nicht als autonomes, selbstgenügsames Wesen dar, sondern als jemanden, der Erlösung braucht. Es ruft zur Umkehr, nicht zur Selbstbestätigung; zur Wahrheit, nicht zur Selbsttäuschung. Und wo das Licht Christi erscheint, da wird die Finsternis offenbar, offengelegt – darum regt sich Widerstand. Nicht weil die Botschaft Jesu zerstörerisch wäre, sondern weil sie heilend ist. Doch Heilung setzt die Diagnose voraus, und diese Diagnose ist unbequem für eine Kultur, die sich selbst zum Maßstab gemacht hat.
Die sogenannte Toleranz unserer Tage ist in Wahrheit eine Einbahnstraße. Sie fordert nicht Duldung, sondern Zustimmung. Sie verlangt nicht Respekt vor der Meinung des anderen, sondern Unterwerfung unter eine Weltanschauung, die Sünde nicht mehr Sünde nennen will. Wer sich diesem Diktat nicht beugt, wer nicht bereit ist, das Böse gut und das Gute böse zu nennen, der wird ausgegrenzt, diffamiert, zum Schweigen gebracht. Der Prophet Jesaja hat schon vor Jahrtausenden solche Zeiten beschrieben: „Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!“ (Jesaja 5,20).
Und das Schlimmste ist: die Kirchen beteiligen sich daran. Nicht wenige haben begonnen, sich dem Zeitgeist anzupassen, statt dem lebendigen Gott zu dienen. Man scheut das klare Wort der Schrift, um nicht anzuecken; man relativiert das Evangelium, um gesellschaftlich akzeptiert zu bleiben. Ausgerechnet jene, die berufen sind, „das Wort der Wahrheit recht zu teilen“ (2. Timotheus 2,15), lassen es verstummen oder verwässern es, damit niemand Anstoß nimmt. So wird das Salz schal und das Licht unter den Scheffel gestellt.
Wenn die Kirche nicht mehr prophetisch spricht, sondern nur noch bestätigt, was die Welt hören will, verliert sie ihre geistliche Autorität – und verrät den Auftrag, den ihr Christus selbst gegeben hat.
Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass echte, biblische Toleranz etwas ganz anderes meint als das, was heute unter diesem Begriff verkauft wird. Toleranz im christlichen Sinne bedeutet Langmut und Geduld mit dem Nächsten, auch wenn dieser in Sünde lebt. Sie bedeutet, den Sünder zu lieben, ohne die Sünde gutzuheißen. Sie bedeutet, den Menschen nicht auf seine Verfehlungen zu reduzieren, sondern ihn in seiner gottgegebenen Würde zu achten. Jesus lehrt und ermahnt uns: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben“ (Lukas 6,36-37). Diese Haltung ist zutiefst christlich. Sie achtet den Menschen, aber sie verschweigt nicht die Wahrheit.
Wir tun den Menschen nichts Gutes, wenn wir sie in der Sünde bestätigen. Liebe ohne Wahrheit ist keine Liebe, sondern Gleichgültigkeit. Wer dem Sünder nur sagt, was er hören will, lässt ihn auf einem Weg weitergehen, der ihn von Gott entfernt. Wahre Barmherzigkeit aber sucht das Heil des anderen – nicht seine momentane Zufriedenheit. Sie wagt das unbequeme Wort, weil sie weiß, dass Umkehr Leben bringt. Wenn wir die Sünde verschweigen, nehmen wir den Menschen die Möglichkeit zur Befreiung. Wenn wir sie benennen, öffnen wir die Tür zur Gnade.
Wer seinen Nächsten wirklich liebt, der warnt ihn vor dem Abgrund. Wer seinem Bruder oder seiner Schwester wirklich Gutes will, der sagt ihm die Wahrheit, auch wenn diese unbequem ist. Jesus selbst hat uns darin das Vorbild gegeben. Er hat die Menschen geliebt, er hat mit Zöllnern und Sündern gegessen, er hat sich der Verachteten und Ausgestoßenen angenommen. Aber niemals hat er die Sünde verharmlost. Zur Ehebrecherin sagte er: „So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr“ (Johannes 8,11). Vergebung ja, aber nicht ohne den Ruf zur Umkehr. Liebe ja, aber nicht ohne die Wahrheit.
Darum ist es kein Akt der Härte, nicht der Lieblosigkeit, sondern der tiefsten Liebe, dem Nächsten die Wahrheit zu sagen, die ihn zu Christus führt.
Das ist es, was heute so schwer zu ertragen ist für eine Welt, die sich selbst zum Maßstab gemacht hat. Die moderne Toleranz will keine Umkehr, sie will Bestätigung. Sie will nicht hören, dass es einen Gott gibt, der heilig ist und dessen Gebote unveränderlich sind. Sie will nicht wahrhaben, dass der Mensch ein Sünder ist, der der Erlösung bedarf. Sie will nicht akzeptieren, dass es ein Gericht gibt und eine Ewigkeit, die von unseren Entscheidungen in diesem Leben abhängt. Deshalb wird der christliche Glaube als intolerant gebrandmarkt, denn er widerspricht dem Zeitgeist in seinem innersten Kern.
Doch gerade in dieser Situation sind wir Christen gerufen, treu zu bleiben. Nicht um zu richten, nicht um uns über andere zu erheben, sondern um Zeugnis zu geben von der Hoffnung, die in uns ist (1. Petrus 3,15). Wir sind gerufen, die Wahrheit in Liebe zu sagen, wie Paulus es formuliert: „Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus“ (Epheser 4,15). Wahrhaftig sein in der Liebe – das bedeutet, weder die Wahrheit zu opfern noch die Liebe. Es bedeutet, Christus treu zu bleiben, auch wenn es uns Ablehnung und Anfeindung einbringt.
Die Heilige Schrift sagt uns klar, dass all dies kommen würde. Jesus selbst hat seine Jünger gewarnt: „Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten. Aber das alles werden sie euch tun um meines Namens willen; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat“ (Johannes 15,20-21). Wir sollten uns also nicht wundern, wenn wir Widerstand erfahren.
Wir sollten uns nicht erschrecken lassen, wenn man uns als engstirnig, fundamentalistisch oder intolerant bezeichnet. Das gehört zur Kreuzesnachfolge, das wir tragen dürfen. Petrus schreibt: „Ihr Lieben, lasst euch durch die Hitze nicht befremden, die euch widerfährt zu eurer Versuchung, als widerführe euch etwas Seltsames, sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet, damit ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt“ (1. Petrus 4,12-13).
Doch wir sollten verstehen, was dieses Leiden bedeutet: Es ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern der Zugehörigkeit. Wenn wir für Christus angegriffen werden, dann nicht, weil wir etwas falsch machen, sondern weil wir dem Licht treu bleiben in einer Welt, die die Finsternis liebt. Die „Hitze“, von der Petrus spricht, ist kein Zufall, sondern ein geistlicher Prüfstein. Sie reinigt, sie festigt, sie macht unser Zeugnis glaubwürdig. Wer in solchen Zeiten standhält, zeigt, dass sein Glaube nicht auf Bequemlichkeit gebaut ist, sondern auf Christus selbst. Und gerade darin liegt Trost: Unser Leiden ist nicht sinnlos, sondern Teil der Gemeinschaft mit dem Herrn, der selbst den Weg durch Ablehnung und Kreuz gegangen ist. Wer mit Christus leidet, wird auch mit ihm erhöht werden.
In all dem bleibt uns ein fester Grund: Christus selbst. Er ist unsere Gerechtigkeit, er ist unsere Hoffnung, er ist unser Friede. Die Welt mag uns ablehnen, aber er nimmt uns an. Die Welt mag uns verwerfen, aber er hat uns erwählt. Die Welt mag uns verurteilen, aber er hat uns freigesprochen durch sein Blut am Kreuz. Paulus jubelt: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt“ (Römer 8,33-34). Das ist unser Trost, das ist unsere Kraft.
Deshalb lasst uns nicht schweigen, aber lasst uns auch nicht lieblos werden. Lasst uns die Sünde beim Namen nennen, aber lasst uns die Sünder nicht verdammen. Lasst uns treu sein dem Wort Gottes, aber lasst uns demütig bleiben im Bewusstsein, dass auch wir aus Gnade leben. Lasst uns mutig bekennen, dass Jesus der einzige Weg zum Vater ist, aber lasst uns dies tun in der sanftmütigen Gewissheit, dass nicht wir es sind, die retten, sondern ER allein. Denn „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung“ (2. Korinther 5,19).
In dieser Gewissheit dürfen wir leben, glauben und bezeugen – nicht als Richter, sondern als Menschen, die selbst von Gnade leben. Wir treten nicht auf, um andere zu verurteilen, sondern um das weiterzugeben, was wir selbst empfangen haben: Vergebung, Wahrheit, Hoffnung. Wir sprechen nicht aus Überheblichkeit, sondern aus der Demut dessen, der weiß, dass er ohne Christus verloren wäre. Unser Zeugnis ist kein moralischer Hochmut, sondern ein Ruf zur Rettung. Wir stehen nicht über den Menschen, sondern neben ihnen – als Begnadigte, die den Weg zum Leben zeigen dürfen.
Gott befohlen. Pater Berndt

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