Nicht jeder Eifer ist gottgewollt. Jesus kannte einen heiligen Zorn, der Leben rettete. Die Frommen seiner Zeit pflegten einen Eifer, der Leben zerstörte. Der Unterschied entscheidet über Segen oder Fluch.
Die Tische stürzen um, Münzen rollen über den Steinboden, Tauben flattern erschrocken aus ihren Käfigen. Ein Mann steht im Tempel, in der Hand eine Geißel aus Stricken, sein Gesicht gezeichnet von einem Zorn, der nichts Willkürliches hat, sondern vollkommen, heilig, gerecht ist.
„Macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus“, ruft er den Händlern zu, und seine Stimme hallt durch die Säulenhallen (Johannes 2,16). Das ist Jesus. Der sanfte Hirte, der die Kinder segnet, der mit Zöllnern und Sündern isst, zeigt hier eine Seite, die viele irritiert: Zorn. Eifer. Leidenschaftliche, unerbittliche Empörung. Doch dieser Eifer ist nicht unkontrolliert, nicht selbstgerecht, nicht destruktiv. Er ist heilig, weil er aus der Liebe zu Gott entspringt und dem Schutz der Menschen dient.
Ganz anders der Eifer der Schriftgelehrten und Pharisäer, jener Frommen, die sich als Hüter der Wahrheit verstanden, die das Gesetz kannten, es studierten, es lehrten. Ihr Eifer war nicht weniger intensiv als der Jesu. Aber er war von einer anderen Qualität. Er entsprang nicht der Liebe, sondern dem Stolz. Er diente nicht dem Leben, sondern der Macht. Er schützte nicht die Schwachen, sondern unterdrückte sie.
Paulus selbst, bevor Christus ihn auf dem Weg nach Damaskus begegnete, war ein Meister dieses unheiligen Eifers. Er schreibt rückblickend: „Ich habe die Gemeinde Gottes verfolgt und sie zu zerstören versucht und habe im Judentum viele meiner Altersgenossen in meinem Volk übertroffen und bin über die Maßen ein Eiferer gewesen für die Satzungen der Väter“ (Galater 1,13-14). Eifer für die Satzungen der Väter. Eifer, der tötet.
Was unterscheidet den heiligen Eifer Jesu von dem unheiligen Eifer der Frommen? Es ist nicht die Intensität. Beide sind leidenschaftlich. Es ist nicht die Überzeugung. Beide sind von ihrer Sache überzeugt. Es ist nicht einmal die Bereitschaft, Widerstand zu leisten. Beide scheuen keine Konfrontation. Der Unterschied liegt tiefer. Er liegt im Ursprung, im Ziel, in der Geistesfrucht.
Der heilige Eifer Jesu entspringt der Liebe zu Gott und den Menschen. Als Jesus die Händler aus dem Tempel treibt, tut er es nicht aus persönlicher Verletzung, nicht aus Machtgehabe, nicht aus dem Wunsch, sich zu profilieren. Er tut es, weil das Haus seines Vaters geschändet wird, weil die Armen ausgebeutet werden, weil die Religion zur Geschäftemacherei verkommen ist.
Die Händler im Tempel verkauften Opfertiere zu überhöhten Preisen, tauschten Geld zu Wucherzinsen. Die einfachen Menschen, die kamen, um Gott anzubeten, wurden zur Kasse gebeten, bevor sie überhaupt beten konnten. Das empört Jesus. Nicht um seiner selbst willen, sondern um der Menschen willen, die unter diesem System leiden. Sein Eifer ist uneigennützig, nicht vom eigenen Ich getrieben. Er sucht nicht seinen Vorteil, sondern den der anderen.
Der unheilige Eifer der Pharisäer hingegen ist selbstbezogen. Sie verteidigen nicht Gott, sondern ihr eigenes System, ihre eigene Position, ihre eigene Deutungshoheit. Als Jesus am Sabbat heilt, sind sie empört. Nicht weil Gottes Ehre verletzt wäre, sondern weil ihre Regeln gebrochen wurden. Ein Mensch wird geheilt, ein Kranker kann wieder gehen, ein Blinder kann sehen, aber das spielt für sie keine Rolle. Wichtiger ist, dass ihre Sabbatvorschriften eingehalten werden.
Jesus konfrontiert sie: „Darf man am Sabbat Gutes tun oder Böses tun, Leben erhalten oder töten?“ (Markus 3,4). Sie schweigen. Und dann heißt es: „Und er sah sie ringsum an mit Zorn und war betrübt über ihr verstocktes Herz und sprach zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus! Und er streckte sie aus; und die Hand wurde gesund“ (Markus 3,5). Jesus ist zornig. Aber sein Zorn ist gepaart mit Betrübnis. Er ist traurig über die Verstockung dieser Menschen, die das Gesetz über das Leben stellen, die Regeln über die Barmherzigkeit.
Der heilige Eifer Jesu hat immer das Leben zum Ziel. Er dient der Wiederherstellung, der Heilung, der Befreiung. Jesus treibt die Händler aus dem Tempel, damit die Menschen wieder Zugang zu Gott haben, damit der Tempel wieder das sein kann, was er sein soll: ein Haus des Gebets für alle Völker (Markus 11,17). Er heilt am Sabbat, damit Menschen wieder aufatmen können, wieder leben können.
Selbst sein härtester Konflikt mit den Pharisäern dient letztlich dem Leben. Er will sie zur Umkehr rufen, will ihnen die Augen öffnen, will sie retten aus ihrer Selbstgerechtigkeit. Er nennt sie „blinde Leiter“ (Matthäus 15,14), aber nicht um sie zu vernichten, sondern um sie zu warnen. „Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!“ (Matthäus 23,37). Selbst im Gericht klingt die Klage der Liebe durch.
Der unheilige Eifer der Frommen hingegen hat Kontrolle und Macht zum Ziel. Es geht darum, das eigene System zu bewahren, die eigene Autorität zu sichern, die eigene Gruppe zu schützen. Und dafür wird geopfert, was geopfert werden muss: Menschen, Beziehungen, Wahrheit. Die Pharisäer sind bereit, Jesus zu töten, um ihre Ordnung zu bewahren. „Von dem Tage an war es bei ihnen beschlossen, dass sie ihn töteten“ (Johannes 11,53).
Sie bringen ihn vor Pilatus, erfinden Anschuldigungen, hetzen das Volk auf. Und all das im Namen Gottes. Sie sind überzeugt, das Richtige zu tun. Sie meinen, Gott einen Dienst zu erweisen, wenn sie diesen Irrlehrer beseitigen. Aber ihr Eifer ist unheilig, weil er Menschen zerstört statt rettet, weil er aus Angst geboren ist statt aus Liebe, weil er die eigene Position sichert statt Gottes Herrlichkeit zu suchen.
Die Frucht des heiligen Eifers Jesu ist Versöhnung, Heilung, Freiheit. Menschen kommen zu Gott. Kranke werden gesund. Ausgestoßene finden Gemeinschaft. Sünder erfahren Vergebung. Der Tempel wird gereinigt, damit Menschen wieder beten können. Die Sabbatregeln werden durchbrochen, damit Leben gerettet wird. Jesu Eifer schafft Raum für Gott und für Menschen. Er öffnet Türen, er lädt ein, er heilt.
Die Frucht des unheiligen Eifers ist Spaltung, Zerstörung, Tod. Gemeinden zerbrechen. Familien werden entzweit. Menschen werden ausgeschlossen, verurteilt, vernichtet. Alles im Namen der Wahrheit, im Namen Gottes, im Namen der reinen Lehre. Aber die Frucht zeigt, wessen Geist dahintersteckt. Jesus sagt: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Matthäus 7,16). Wenn der Eifer zur Spaltung führt, zur Lieblosigkeit, zur Zerstörung von Beziehungen, dann ist er nicht heilig, auch wenn er sich noch so fromm gebärdet.
Ein entscheidendes Merkmal des heiligen Eifers ist die Selbstlosigkeit. Jesus sucht nie seinen eigenen Vorteil. Er hat keine persönliche Agenda. Er nutzt seinen Eifer nicht, um sich zu profilieren, um Anhänger zu gewinnen, um Macht auszuüben. Ganz im Gegenteil. Sein Eifer führt ihn ans Kreuz. Er zahlt den höchsten Preis für seine Überzeugung. Er legt sein Leben nieder. „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde“ (Johannes 15,13). Das ist der Maßstab. Heiliger Eifer ist bereit, selbst zu leiden, nicht andere leiden zu lassen.
Der unheilige Eifer der Frommen hingegen ist immer selbstschützend. Er verteidigt die eigene Position. Er sucht die eigene Sicherheit. Er vermeidet das eigene Leiden, indem er andere leiden lässt. Die Pharisäer sind nicht bereit, ihre Überzeugungen zu hinterfragen, ihre Macht aufzugeben, ihre Fehler zuzugeben. Lieber opfern sie Jesus, als sich selbst in Frage zu stellen. Das ist der Kern des unheiligen Eifers: Er schützt das Ich, nicht Gott, nicht die Menschen.
Ein weiteres Kennzeichen des heiligen Eifers ist die Demut. Jesus weiß, wer er ist. Er ist der Sohn Gottes. „Aber er kommt nicht, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen“ (Matthäus 20,28). Er wäscht seinen Jüngern die Füße. Er sucht nicht den Applaus der Menge. Er zieht sich zurück, um zu beten. Sein Eifer ist eingebettet in eine tiefe Beziehung zum Vater. „Er tut nichts aus sich selbst, sondern nur, was er den Vater tun sieht“ (Johannes 5,19). Diese Abhängigkeit von Gott ist das Fundament seines Eifers. Er ist nicht getrieben von eigenem Ehrgeiz, sondern von dem Willen des Vaters.
Der unheilige Eifer der Frommen ist hingegen geprägt von Stolz. Sie meinen, die Wahrheit gepachtet zu haben. Sie sehen sich als die Rechtschaffenen, die Auserwählten, die Reinen. Jesus hält ihnen den Spiegel vor: „Ihr seid’s, die ihr euch selbst rechtfertigt vor den Menschen; aber Gott kennt eure Herzen; denn was hoch ist bei den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott“ (Lukas 16,15). Der unheilige Eifer sucht Anerkennung bei Menschen, nicht bei Gott. Er will gesehen werden, bewundert werden, als rechtschaffen gelten. Und genau das macht ihn so gefährlich. Denn er tarnt sich als Frömmigkeit, als Treue, als Glaubensmut. Aber im Kern ist er Selbstgerechtigkeit.
Paulus, der wie gesagt selbst ein Meister des unheiligen Eifers war, bis Christus ihn verwandelte, hat das begriffen. Nach seiner Bekehrung schreibt er: „Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne“ (Philipper 3,7-8).
Sein ganzer Eifer, sein ganzes Streben nach Gerechtigkeit, seine ganze Frömmigkeit – Dreck. Wertlos. Nicht weil Eifer an sich schlecht wäre, sondern weil es der falsche Eifer war. Ein Eifer, der sich selbst rechtfertigen wollte, der auf eigenen Werken, eigener Gerechtigkeit, eigener Vollkommenheit beruhte.
Der heilige Eifer hingegen gründet sich auf Gnade. Jesus eifert nicht, um sich Gott zu beweisen. Er ist der geliebte Sohn, in dem der Vater Wohlgefallen hat (Matthäus 3,17). Er handelt aus dieser Gewissheit heraus. Sein Eifer ist die Antwort auf die Liebe, nicht der Versuch, Liebe zu verdienen. Und genau so soll auch unser Eifer beschaffen sein. Nicht aus Angst, nicht genug zu sein. Nicht aus dem Drang, uns zu beweisen. Nicht aus dem Bedürfnis, besser zu sein als andere. Sondern aus der Dankbarkeit für die empfangene Gnade. Aus der Freude, Gott zu gehören. Aus der Liebe, die uns zuerst geliebt hat (1. Johannes 4,19).
Es gibt heute viele Formen des unheiligen Eifers in unseren Gemeinden. Da sind die Rechthabereifer, die jede theologische Debatte gewinnen müssen, die jede abweichende Meinung als Irrlehre brandmarken, die keine Gnade kennen für die, die anders denken.
Da sind die Moralischen Eiferer, die andere nach ihrer persönlichen Frömmigkeitsskala messen, die Regeln aufstellen für alles und jeden, die richten und verurteilen, statt zu lieben und zu tragen.
Da sind die Gemeindewachstumseiferer, die Erfolg mit Segen gleichsetzen, die Zahlen und Programme wichtiger nehmen als Menschen, die das Reich Gottes zu einem Unternehmen machen.
Und da sind die Traditionalisten-Eiferer, die jede Veränderung ablehnen, die die Form über den Inhalt stellen, die die Vergangenheit vergötzen und die Gegenwart verdammen.
All diese Formen des Eifers haben gemeinsam, dass sie nicht von Christus ausgehen, sondern vom eigenen Ich. Sie dienen nicht dem Leben, sondern dem eigenen Bedürfnis nach Kontrolle, Sicherheit, Anerkennung. Sie zerstören mehr, als sie aufbauen. Sie schrecken Menschen von Gott ab, statt sie zu ihm zu führen.
Wie sieht dann heiliger Eifer heute aus? Er beginnt mit der Erkenntnis der eigenen Bedürftigkeit. Wer heilig eifert, weiß, dass er selbst ein Begnadigter ist, ein Geretteter, ein Sünder, der nur durch Christi Blut reingewaschen ist. Diese Demut färbt alles, was er tut. Er eifert nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe. Er weiß: Ohne Gottes Gnade wäre ich verloren. Und diese Erkenntnis macht ihn barmherzig im Umgang mit anderen.
Er richtet sich auf Christus aus, nicht auf sich selbst. Die Frage ist nicht: Wie kann ich recht behalten? Wie kann ich meine Position durchsetzen? Wie kann ich zeigen, dass ich im Recht bin? Sondern: Wird Christus dadurch groß gemacht? Dient es seinem Reich? Werden Menschen ihm nähergebracht? Heiliger Eifer hat Christus im Zentrum, nicht das eigene Ego.
Er ist bereit, selbst zu leiden, statt andere leiden zu lassen. Heiliger Eifer sucht nicht den bequemen Weg. Er ist bereit, Missverstanden zu werden, Widerstand zu ertragen, Verlust hinzunehmen. Aber er ist nicht bereit, andere zu opfern, um die eigene Position zu retten. Er schützt die Schwachen, auch wenn es ihn selbst etwas kostet.
Er trägt Früchte des Geistes. Paulus schreibt: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit“ (Galater 5,22-23). Wenn unser Eifer diese Früchte trägt, dann ist er heilig. Wenn er hingegen Spaltung, Zorn, Unfrieden, Ungeduld, Härte hervorbringt, dann ist er unheilig, egal wie fromm er sich gibt.
Er sucht Versöhnung, nicht Sieg. Heiliger Eifer will nicht die Schlacht gewinnen, sondern die Beziehung retten. Er will nicht den Gegner besiegen, sondern den Bruder zurückgewinnen. Er ist bereit, nachzugeben, wo es um Nebensächliches geht, um die Einheit zu bewahren. Aber er bleibt fest, wo es um das Evangelium geht, um Christus selbst.
Jesus ruft uns zu einem Eifer, der heilig ist, weil er aus Liebe geboren ist und dem Leben dient. Er ruft uns weg von einem Eifer, der unheilig ist, weil er aus Stolz geboren ist und der Macht dient. Die Frage an uns lautet nicht: Sollen wir eifern? Sondern: Mit welchem Geist eifern wir? Für wen eifern wir? Welchen Früchten bringt unser Eifer hervor?
Wenn wir Jesus nachfolgen, dann werden wir nicht lau sein. Wir werden nicht gleichgültig sein. Wir werden eifern. Aber unser Eifer wird heilig sein, weil er sich an ihm orientiert, der für uns geeifert hat bis in den Tod, der aber nicht gekommen ist, um zu richten, sondern um zu retten (Johannes 3,17). Möge Gott uns helfen, diesen Weg zu gehen. Möge er uns bewahren vor dem unheiligen Eifer der Selbstgerechtigkeit und uns erfüllen mit dem heiligen Eifer der Liebe.
Gott befohlen. Pater Berndt

Kommentare von Pater Berndt