Kein Gebet wurde häufiger gesprochen, keines tiefer geliebt. Das Vaterunser ist mehr als Worte – es ist die Stimme der Kinder Gottes, die ihren Vater anrufen. Jesus selbst hat es uns gegeben, damit wir beten lernen und den Weg nach Hause finden.

Das Vaterunser
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute,
und vergib uns unsre Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.

Es war ein gewöhnlicher Tag in Galiläa, als die Jünger zu Jesus kamen mit einer Bitte, die tiefer reichte, als sie vielleicht selbst ahnten. „Herr, lehre uns beten“, sagten sie in Lukas 11,1. Sie hatten gesehen, wie Jesus betete, wie er sich zurückzog in die Stille, wie er Stunden im Gespräch mit dem Vater verbrachte. Sie hatten die Kraft gespürt, die aus diesem Beten kam, die Gewissheit, die Ruhe, die Vollmacht.

Und sie wussten: Wir können nicht beten wie er. Wir wissen nicht, wie man den Himmel erreicht, wie man die richtigen Worte findet, wie man zu Gott spricht, der so heilig, so groß, so unnahbar erscheint. Lehre uns beten.

Und Jesus tat es. Er gab ihnen nicht eine komplizierte Formel, keine langen Abhandlungen über die Technik des Gebets, keine geistlichen Übungen, die man erst meistern muss. Er gab ihnen ein einfaches Gebet, so einfach, dass ein Kind es sprechen kann, und doch so tief, dass die größten Theologen es niemals ausloten werden. Er gab ihnen das Vaterunser.

„Vater unser im Himmel.“ Mit diesen Worten beginnt das Gebet, und schon in der Anrede liegt eine Welt voller Trost und Zuversicht. Vater. Nicht ein ferner Gott, nicht eine unpersönliche Macht, nicht ein strenger Richter, der nur darauf wartet, unsere Fehler zu bestrafen, sondern Vater. Das griechische Wort, das die Evangelien überliefern, lautet „pater“, doch dahinter steht das aramäische „Abba“, das Jesus selbst gebraucht hat. Abba ist ein vertrautes Wort, ein kindliches Wort. Es bedeutet nicht nur Vater im formellen Sinne, sondern drückt Nähe, Geborgenheit, Vertrauen aus. Ein Kind, das „Abba“ ruft, ruft nach dem, der es beschützt, der es liebt, der für es sorgt.

Paulus greift dieses Wort auf in Römer 8,15: „Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“ Wir dürfen Gott Vater nennen, nicht weil wir es uns herausnehmen, sondern weil er uns dazu einlädt. Durch Christus sind wir zu Kindern Gottes geworden. Johannes 1,12 bezeugt: „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.“ Das ist die erste große Wahrheit des Vaterunsers: Wir beten nicht als Fremde, nicht als Sklaven, sondern als Kinder, die zu ihrem Vater kommen.

Doch dieser Vater ist nicht irgendein Vater. Er ist unser Vater im Himmel. Das bedeutet zweierlei. Zum einen: Er ist nicht nur mein Vater, sondern unser Vater. Wir beten nicht allein. Wenn wir dieses Gebet sprechen, beten wir mit allen, die Christus angehören, mit der ganzen Gemeinde der Gläubigen, über alle Grenzen von Zeit und Raum hinweg. Zum anderen: Er ist im Himmel. Das heißt nicht, dass er weit weg ist, unerreichbar in fernen Sphären. Der Himmel ist dort, wo Gott ist, wo seine Herrlichkeit wohnt, wo sein Wille vollkommen geschieht. Unser Vater ist der allmächtige Gott, der Schöpfer aller Dinge, und doch so nahe, dass wir ihn Vater nennen dürfen.

Doch gerade weil Gott unser Vater ist, dürfen wir diese Anrede nicht verniedlichen. Die Nähe, zu der Christus uns einlädt, ist keine Vertraulichkeit ohne Ehrfurcht. In unserer Zeit geschieht es leicht, dass Gottes Name verniedlicht wird, dass man ihn mit Kosenamen belegt, als wäre er ein Kamerad oder ein Gefährte auf Augenhöhe. Aber der Gott, den wir Vater nennen dürfen, ist zugleich der Heilige, der Erhabene, der Allmächtige. Seine Vaterschaft hebt seine Majestät nicht auf, sondern offenbart sie. Wenn wir beten, treten wir vor den, der Himmel und Erde gemacht hat, und wir tun es mit kindlichem Vertrauen; aber auch mit heiliger Scheu. „Geheiligt werde dein Name“ ist nicht zufällig die erste Bitte des Vaterunsers. Wer Gott Vater nennt, soll ihn nicht verniedlichen, sondern in Ehrfurcht anrufen, in Liebe ehren und in Gottesfurcht vor ihm stehen.

„Geheiligt werde dein Name.“ Die erste Bitte des Vaterunsers richtet sich nicht auf unsere Bedürfnisse, sondern auf Gott selbst. Das ist bezeichnend. Bevor wir um Brot bitten, bevor wir um Vergebung flehen, beten wir, dass Gottes Name geheiligt werde. Der Name Gottes steht in der Heiligen Schrift für Gott selbst, für sein Wesen, seine Offenbarung. In 2. Mose 3,14 offenbart Gott sich Mose mit den Worten: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Gottes Name ist heilig, weil er selbst heilig ist, abgesondert von allem Geschaffenen, rein, vollkommen, unantastbar.

Doch dieser heilige Name wird täglich entweiht. Er wird missbraucht im Fluchen und Schwören, er wird gelästert von denen, die ihn nicht kennen oder nicht kennen wollen, er wird entstellt durch falsche Lehren und heuchlerisches Leben derer, die sich Christen nennen. Wenn wir beten „geheiligt werde dein Name“, dann bitten wir, dass Gottes Name wieder zu Ehren komme, dass er erkannt und verehrt werde als das, was er ist: heilig. Wir bitten aber auch, dass wir selbst seinen Namen nicht entweihen, sondern ihn ehren in unserem Leben, in unseren Worten, in unserem Tun. Jesus sagt in Matthäus 5,16: „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Wenn unser Leben Gottes Namen ehrt, dann wird sein Name geheiligt.

„Dein Reich komme.“ Die zweite Bitte weitet den Blick. Wir beten nicht nur für uns selbst, sondern für das Kommen von Gottes Reich. Dieses Reich ist das große Thema der Verkündigung Jesu. In Markus 1,15 beginnt Jesus seine Predigt mit den Worten: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Das Reich Gottes ist dort, wo Gott herrscht, wo sein Wille geschieht, wo seine Gerechtigkeit aufgerichtet wird. Es ist schon angebrochen in Jesus Christus, aber es ist noch nicht vollendet. Wir leben zwischen dem Schon und dem Noch nicht.

Wenn wir beten „dein Reich komme“, dann sehnen wir uns nach der vollständigen Aufrichtung dieses Reiches, nach dem Tag, an dem Christus wiederkommt und alles neu macht. In Offenbarung 21,5 verheißt es: „Siehe, ich mache alles neu!“ Wir sehnen uns nach einer Welt, in der Gerechtigkeit wohnt, in der kein Leid mehr ist, keine Tränen, kein Tod. Aber wir bitten auch, dass Gottes Reich schon jetzt komme, in unseren Herzen, in unseren Gemeinden, in dieser Welt. Wir bitten, dass Menschen zum Glauben kommen, dass die Mächte des Bösen zurückgedrängt werden, dass Gottes Wille geschehe.

„Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Diese dritte Bitte ist zugleich die schwerste. Gottes Willen zu wollen, das fällt uns nicht leicht. Wir haben unseren eigenen Willen, unsere eigenen Pläne, unsere eigenen Vorstellungen, wie unser Leben aussehen soll. Und oft genug steht unser Wille im Widerspruch zu Gottes Willen. Im Himmel geschieht Gottes Wille vollkommen, ohne Widerstand, ohne Verzögerung. Die Engel tun, was er befiehlt, die Schöpfung folgt seinen Ordnungen. Aber auf Erden? Hier wird sein Wille missachtet, bekämpft, verdreht.

Wenn wir beten „dein Wille geschehe“, dann übergeben wir uns Gott. Wir sagen: Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Jesus selbst hat so gebetet in Gethsemane, als er vor dem Leiden stand. Der Evangelist Lukas schreibt im 22. Kapitel, Vers 42: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Das ist kein resigniertes Sich‑Ergeben in ein blindes Schicksal. Gottes Wille ist gut, auch wenn wir ihn nicht immer verstehen. Paulus ermutigt uns in Römer 12,2: „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ Gottes Wille ist immer auf unser Heil gerichtet, auch wenn der Weg dorthin manchmal durch dunkle Täler führt.

„Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Nun kommen die Bitten, die unsere irdischen Bedürfnisse betreffen. Und es ist bemerkenswert, dass Jesus uns lehrt, um das tägliche Brot zu bitten. Nicht um Reichtum, nicht um Überfluss, sondern um das, was wir heute brauchen. Das Wort, das Luther mit „täglich“ übersetzt, ist im Griechischen schwierig zu deuten. Es kann bedeuten: das für diesen Tag Notwendige, oder auch: das für die kommende Zeit Nötige. In jedem Fall geht es um das, was wir zum Leben brauchen, nicht um Luxus, nicht um Anhäufung.

Diese Bitte lehrt uns Abhängigkeit. Wir sind nicht autark, nicht selbstgenügsam. Wir brauchen täglich Gottes Gabe. Der Evangelist Matthäus überliefert uns diese Bitte in Matthäus 6,11: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Und im selben Kapitel in Vers 34 warnt Jesus uns davor: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ Gott gibt uns, was wir brauchen, Tag für Tag. Das Volk Israel in der Wüste erlebte das mit dem Manna, das Gott jeden Morgen neu schenkte. Sie sollten nicht für morgen sammeln, sondern täglich auf Gottes Versorgung vertrauen.

Und doch geht es beim täglichen Brot um mehr als nur um Nahrung. Martin Luther erklärt im Kleinen Katechismus, dass zum täglichen Brot alles gehört, was wir für Leib und Leben brauchen: Essen und Trinken, Kleidung und Schuhe, Haus und Hof, Acker und Vieh, Geld und Gut, fromme Eheleute und Kinder, gute Obrigkeit, gutes Wetter, Friede und Gesundheit. All das ist Gottes Gabe, und wir dürfen darum bitten.

„Und vergib uns unsre Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Die fünfte Bitte führt uns ins Zentrum unserer Existenz vor Gott: Wir sind Sünder. Wir haben Schuld auf uns geladen, täglich, in Gedanken, Worten und Werken. Und diese Schuld trennt uns von Gott. Der Prophet Jesaja sagt es im 59. Kapitel, Vers 2 sagt: „Eure Verschuldungen scheiden euch von eurem Gott, und eure Sünden verbergen sein Angesicht vor euch.“

Wir brauchen Vergebung, nicht nur einmal, sondern immer wieder. Und diese Vergebung kommt allein von Gott.

Die Heilige Schrift bezeugt unmissverständlich, dass Vergebung nur durch das Blut Jesu Christi möglich ist. Paulus sagt: „In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Epheser 1,7). Ohne Christus gibt es keine Vergebung. Sein Tod am Kreuz ist die Grundlage, auf der Gott uns vergeben kann, ohne seine Gerechtigkeit zu verletzen. Wenn wir um Vergebung bitten, dann kommen wir nicht mit unseren guten Werken, nicht mit unseren Vorsätzen, sondern allein im Namen Jesu, der für uns gestorben ist.

Doch diese Bitte hat eine erschreckende Fortsetzung: „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Hier wird unser eigenes Vergeben zur Bedingung für Gottes Vergebung. Das ist hart. Jesus selbst betont es in Matthäus 6,14-15: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ Das bedeutet nicht, dass wir uns Gottes Vergebung durch unser Vergeben verdienen. Gottes Vergebung ist und bleibt Gnade. Aber wer Gottes Vergebung empfangen hat, der kann nicht anders, als selbst zu vergeben. Wer nicht vergibt, zeigt damit, dass er Gottes Vergebung nicht wirklich angenommen hat.

Jesus erzählt in Matthäus 18,23-35 das Gleichnis vom Schalksknecht, der eine riesige Schuld erlassen bekommt, dann aber seinen Mitknecht wegen einer winzigen Schuld ins Gefängnis wirft. Der Herr straft ihn dafür hart. Die Pointe ist klar: Wir haben von Gott eine unermessliche Vergebung empfangen. Wie können wir dann anderen nicht vergeben? Vergebung ist nicht leicht. Manche Verletzungen sitzen tief, manche Wunden heilen nur langsam. Aber Vergebung ist möglich, weil Gott uns die Kraft dazu gibt. Und Vergebung befreit nicht nur den anderen, sondern vor allem uns selbst von der Last des Grolls und der Bitterkeit.

„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Die sechste Bitte ist vielleicht die missverständlichste. Führt Gott uns etwa in Versuchung? Jakobus 1,13 sagt klar: „Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand.“ Gott versucht uns nicht zum Bösen. Aber er lässt Versuchungen zu, er führt uns in Situationen, in denen wir geprüft werden, in denen unser Glaube auf die Probe gestellt wird.

Wenn wir beten „führe uns nicht in Versuchung“, dann bitten wir Gott, uns nicht in Situationen zu bringen, in denen wir fallen könnten, oder uns in solchen Situationen die Kraft zu geben, standzuhalten. Wir erkennen unsere Schwachheit an. Wir wissen, dass wir aus eigener Kraft der Versuchung nicht widerstehen können. Jesus warnt seine Jünger in Matthäus 26,41: „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“ Wir brauchen Gottes Hilfe, um in der Versuchung zu bestehen.

Doch dabei müssen wir eine entscheidende Unterscheidung festhalten: Gottes Prüfungen sind keine Versuchungen. Gott prüft, um zu läutern; der Böse versucht, um zu zerstören. Wenn Gott uns in eine Prüfung führt, dann nicht, um uns zu Fall zu bringen, sondern um unseren Glauben zu stärken, zu festigen, zu vertiefen. Jesus selbst wurde „vom Geist in die Wüste geführt“ (Matthäus 4,1). Nicht der Teufel führte ihn dorthin; der Teufel begegnete ihm dort. Gott führte ihn, aber Gott verließ ihn nicht. Er gab ihm das Wort Gottes, das Schwert des Geistes, damit er bestehen konnte.

So handelt Gott: Er prüft, aber er verführt nicht. Er lässt uns in die Wüste gehen, aber er gibt uns sein Wort mit. Er führt uns in die Enge, aber nicht in die Verzweiflung. Versuchung will uns von Gott wegziehen; Prüfung will uns zu Gott hinführen. Darum bitten wir: Führe uns nicht in Versuchung; und wenn wir geprüft werden, dann halte uns fest, stärke uns, bewahre uns durch dein Wort.

Die Bitte geht weiter: „Sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Das Böse ist hier nicht nur eine abstrakte Macht, sondern konkret: der Böse, der Teufel. Jesus nennt ihn in Johannes 8,44 den Vater der Lüge und einen Mörder von Anfang an. Der Teufel ist real, und er ist unser Feind. 1. Petrus 5,8 warnt uns: „Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.“ Wir brauchen Erlösung von seiner Macht, von seinen Angriffen, von seinen Lügen.

Diese Erlösung haben wir in Christus. Kolosser 1,13 bezeugt: „Er hat uns errettet von der Macht der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes.“ Christus hat den Teufel besiegt – am Kreuz. Hebräer 2,14 sagt, „weil diese Kinder Menschen von Fleisch und Blut sind, wurde der Sohn ein Mensch wie sie, um durch seinen Tod den zu vernichten, der über den Tod verfügt, nämlich den Teufel.“ Wenn wir um Erlösung bitten, dann bitten wir, dass diese Erlösung in unserem Leben wirksam wird, dass wir geschützt werden vor den Angriffen des Bösen, dass wir stets in der Kraft Christi stehen.

Doch wir dürfen uns nichts vormachen: Der Teufel ist real, und wir sehen seine Spuren in dieser Welt. Sein Wirken ist nicht nur eine theologische Kategorie, sondern bittere Wirklichkeit. Wo Gewalt ausbricht, wo Menschen entwürdigt werden, wo Kriege toben, wo Blut vergossen wird, wo Lüge und Hass sich ausbreiten; dort zeigt sich sein zerstörerisches Werk. Die Heilige Schrift verschweigt das nicht, und Christus selbst hat darüber gelehrt. Wer den Teufel leugnet, leugnet damit auch einen Teil der Botschaft Jesu, denn Jesus begegnete ihm, widerstand ihm und entlarvte ihn. Der Teufel ist der Widersacher Gottes und der Feind unserer Seelen. Darum bitten wir: „Erlöse uns von dem Bösen“; nicht aus Angst, sondern im Vertrauen auf den, der stärker ist als der, der in der Welt wütet.

„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Diese Doxologie ist in den ältesten Handschriften des Matthäusevangeliums nicht enthalten, aber sie war schon früh Teil des liturgischen Gebets der Kirche. Sie ist eine wunderbare Bekräftigung des Vaterunsers. Wir enden nicht mit unseren Bitten, sondern mit dem Lobpreis Gottes. Wir erkennen an: Ihm gehört das Reich, nicht uns. Ihm gehört die Kraft, nicht uns. Ihm gehört die Herrlichkeit, nicht uns. Und das nicht nur für eine Zeit, sondern in Ewigkeit.

Diese Worte erinnern uns an Davids Lobpreis in 1. Chronik 29,11: „Dein, HERR, ist die Majestät und Gewalt, Herrlichkeit, Sieg und Hoheit. Denn alles, was im Himmel und auf Erden ist, das ist dein. Dein, HERR, ist das Reich, und du bist erhöht über alles als das Haupt.“ Wenn wir so beten, dann legen wir alles in Gottes Hand. Wir vertrauen darauf, dass er König ist, dass er die Macht hat, dass ihm alle Ehre gebührt.

„Amen.“ Das letzte Wort des Vaterunsers ist zugleich das stärkste. Amen bedeutet: Es ist wahr, es ist gewiss, so soll es sein. Wir beschließen unser Gebet nicht mit Zweifeln oder Vorbehalten, sondern mit der Gewissheit, dass Gott uns hört, dass er antwortet, dass er handelt. Jesus sagt in Matthäus 7,7-8: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“

Das Vaterunser ist kein magischer Spruch, keine Formel, die automatisch wirkt, wenn man sie nur oft genug wiederholt. Es ist ein Gebet, das aus dem Herzen kommen soll, ein Gebet, das Jesus uns gegeben hat, damit wir lernen, was wahres Beten ist. Es lehrt uns, Gott als Vater anzurufen, seinen Namen zu ehren, nach seinem Reich zu verlangen, seinen Willen anzunehmen, ihm für unsere täglichen Bedürfnisse zu danken, um Vergebung zu bitten und selbst zu vergeben, um Bewahrung vor Versuchung zu flehen und um Erlösung vom Bösen zu rufen. Und es lehrt uns, alles mit Lobpreis zu beschließen.

Dieses Gebet hat die Jahrhunderte überdauert. Es wurde gesprochen in Katakomben und Kathedralen, in Gefängnissen und Palästen, von Märtyrern auf dem Scheiterhaufen und von Königen auf dem Thron. Es wurde gebetet in allen Sprachen der Welt, von allen Völkern, in allen Situationen des Lebens. Es ist das Gebet der Christenheit, das Band, das uns verbindet über alle Konfessionen und Kontinente hinweg.

Wenn wir das Vaterunser beten, dann beten wir nicht allein. Wir beten mit der ganzen Gemeinde, mit allen, die je gelebt haben und je leben werden, die Christus angehören. Wir beten als Kinder, die zu ihrem Vater kommen, voller Vertrauen, dass er uns hört und erhört. Und wir beten in der Gewissheit, dass Christus selbst für uns eintritt, dass der Heilige Geist unsere Seufzer vor Gott bringt, dass nichts uns trennen kann von der Liebe Gottes.

Möge dieses Gebet uns begleiten durch alle Tage unseres Lebens, in Freude und Leid, in Hoffnung und Anfechtung. Möge es uns trösten, wenn wir verzweifelt sind, stärken, wenn wir schwach sind, leiten, wenn wir nicht mehr weiterwissen. Möge es uns den Weg nach Hause zeigen, dorthin, wo unser Vater auf uns wartet.

Gott befohlen. Pater Berndt