Gläubige, die ihre Rechtgläubigkeit wie eine Rüstung tragen, doch vergessen haben, dass Christus kam, um Herzen zu heilen, nicht um Festungen zu errichten.

Auf Facebook herrscht reger Betrieb. Zwischen Gebetsanliegen, Bibelzitaten und kurzen theologischen Impulsen postet ein jüngerer Christ eine alternative Auslegung einer Paulusstelle – behutsam formuliert, offen für Austausch.

Doch kaum steht der Beitrag, erscheint Bruder Müller (Name als Beispiel) in den Kommentaren. Ein älterer, erfahrener Christ, dessen Profilbild ihn mit einer abgegriffenen, voll annotierten Bibel zeigt. Unter dem Post schreibt er mit schneidender Bestimmtheit: „Das steht so nicht in der Schrift.“ Kein Gruß, kein Dialog, nur ein digital erhobener Zeigefinger – öffentlich sichtbar für alle. Der junge Mann liest es, schweigt, löscht schließlich seinen Beitrag und geht offline. Und während der Bildschirm dunkel wird, fragt er sich leise: „Ist das wirklich das Evangelium, das wir einander zeigen?“

Diese Szene ist keine Erfindung. Sie ereignet sich tausendfach, in Gemeinden aller Konfessionen, in Hauskreisen, in theologischen Diskussionen im Internet. Es gibt unter uns Christen, die ihre Bibel mehr zu lieben scheinen als den Gott, von dem sie spricht. Sie haben das lebendige Wort Gottes in ein starres System verwandelt, in eine Waffe, mit der sie andere belehren, zurechtweisen, ausgrenzen. Sie sind unbeugsam in ihrer Auslegung, oft ohne Liebe, ohne Sanftmut, ohne Demut.

Sie verstecken sich hinter ihrem vermeintlichen Wissen, hinter ihrer „reinen Lehre“, und doch bleibt ihr wahres Gesicht verborgen: ein Herz, das hart geworden ist, ein Glaube, der zur Ideologie erstarrt ist. Sie bringen Spaltung und Streit hervor, wo Christus Einheit und Frieden stiften wollte. Und das Tragische daran ist: Sie meinen es oft gut. Sie glauben, sie dienen Gott. Doch sie dienen einem Götzen, der nur aussieht wie die Heilige Schrift.

Der Apostel Paulus kannte solche Menschen. Er selbst war einst einer von ihnen. In seinem Brief an die Philipper schreibt er von seiner Vergangenheit als Pharisäer, als einer, der nach dem Gesetz untadelig lebte, ein Eiferer für die Tradition, ein Mann ohne Fehl in der äußeren Frömmigkeit. Doch dann begegnete ihm Christus auf dem Weg nach Damaskus, und alles änderte sich.

Paulus schreibt in Philipper 3, Verse 4 bis 9: „Wenn ein anderer meint, er könne sich auf Fleisch verlassen, so könnte ich es noch mehr: der ich am achten Tag beschnitten bin, aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer, nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde, nach der Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, untadelig gewesen. Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde.“

Hier liegt der Kern des Problems: Paulus hatte alles, was einen frommen Juden auszeichnete. Er kannte die Schrift auswendig, er lebte nach ihren Geboten, er war ein Vorbild an Rechtschaffenheit. Doch all das war ihm letztlich Dreck geworden, als er Christus erkannte. Warum? Weil er verstanden hatte, dass die Heilige Schrift nicht dazu da ist, uns zu erheben, uns über andere zu stellen, uns in unserer Rechtgläubigkeit zu bestätigen. Die Heilige Schrift ist dazu da, uns zu Christus zu führen. Sie ist der Finger, der auf den Mond zeigt. Doch manche starren so sehr auf den Finger, dass sie den Mond nicht mehr sehen.

Jesus selbst hat die Schriftgelehrten und Pharisäer seiner Zeit mit scharfen Worten konfrontiert. In Johannes 5, Vers 39 und 40 sagt er zu ihnen: „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.“ Was für eine erschütternde Anklage! Sie kannten die Schrift besser als jeder andere. Sie studierten sie Tag und Nacht. Sie debattierten über jedes Komma, über jede Auslegung. Und doch verfehlten sie das Entscheidende: Sie wollten nicht zu Christus kommen. Die Schrift war ihnen wichtiger geworden als der, von dem sie sprach.

Das ist die große Versuchung jedes ernsthaften Bibellesers, jedes Theologen, jedes engagierten Gemeindeglieds: die Heilige Schrift selbst zum Götzen zu machen. Einen Götzen erkennt man daran, dass er uns nicht mehr demütig macht, sondern stolz. Dass er uns nicht mehr verbindet mit anderen, sondern trennt. Dass er uns nicht mehr zu Christus führt, sondern zu uns selbst zurück. Ein Götze gibt uns das Gefühl, im Recht zu sein, überlegen zu sein, besser zu sein. Und genau das tut eine vergöttlichte Bibel: Sie wird zur Waffe in unseren Händen, nicht zum Brot, das wir mit anderen teilen.

In Matthäus 23 hält Jesus eine der härtesten Reden, die in den Evangelien überliefert sind. Er spricht zu den Schriftgelehrten und Pharisäern und sagt in Vers 23 und 24: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. Ihr blinden Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!“

Jesus wirft ihnen nicht vor, dass sie die Schrift nicht ernst nehmen. Im Gegenteil, sie nehmen sie so ernst, dass sie sogar von den kleinsten Kräutern den Zehnten geben. Doch sie haben das Herz des Gesetzes verloren: Recht, Barmherzigkeit, Glauben. Sie haben die großen Gebote Gottes, die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten, unter einem Berg von Regeln und Vorschriften begraben.

Genau das geschieht heute wieder. Es gibt Christen, die jedes Wort der Bibel auf die Goldwaage legen, die über Lehrfragen streiten, die Gemeinden spalten wegen unterschiedlicher Auslegungen der Endzeit, der Taufe, der Gnadenlehre. Sie meinen, sie verteidigen die Wahrheit. Doch in Wirklichkeit haben sie das Wichtigste verloren: die Liebe.

Der Apostel Paulus schreibt in 1. Korinther 13, Vers 1 und 2: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“ Nichts! Nicht ein bisschen weniger wert, nicht weniger bedeutend. Nichts. Ohne Liebe ist alle Erkenntnis, alle Rechtgläubigkeit, alle theologische Präzision wertlos.

Doch was ist diese Liebe, von der Paulus spricht? Er definiert sie gleich im Anschluss, in Vers 4 bis 7: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“

Lesen wir diese Worte langsam, lassen wir sie in unser Herz sinken. Und dann fragen wir uns ehrlich: Entspricht unser Umgang mit der Heiligen Schrift, unser Umgang mit anderen Gläubigen, diesem Bild der Liebe? Oder sind wir ungeduldig, rechthaberisch, aufgeblasen, ungehörig im Ton, immer auf der Suche nach Fehlern bei anderen, immer bereit, das Böse zuzurechnen?

Doch wie oft geschieht genau das Gegenteil? Wie schnell sind wir dabei, einen Bruder oder eine Schwester als Irrlehrer abzustempeln, nur weil sie eine andere Sicht vertreten, einen anderen Akzent setzen, einen anderen Zugang zur Heiligen Schrift haben. Manchmal genügt schon ein einziger Satz, ein einziger Gedanke, der nicht in unser eigenes Raster passt – und wir sprechen Urteile aus, die schwerer wiegen als uns bewusst ist. Aber ist das die Liebe, die „nicht das Ihre sucht“ und „das Böse nicht zurechnet“? Oder verrät unser Umgangston, dass wir mehr an der Verteidigung unserer Position interessiert sind als am Gewinnen des Bruders?

Jesus selbst hat uns das höchste Gebot gegeben, und es ist kein kompliziertes theologisches Konstrukt. In Matthäus 22, Vers 37 bis 40 antwortet er auf die Frage eines Schriftgelehrten: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ Das ganze Gesetz und die Propheten, die gesamte Heilige Schrift, hängt an diesen beiden Geboten.

Sie sind der Schlüssel, der hermeneutische Mittelpunkt, von dem aus alles andere verstanden werden muss. Jede Auslegung, jede Lehre, jede Predigt, die nicht in der Liebe zu Gott und zum Nächsten wurzelt, verfehlt den Kern des Evangeliums.

Doch wie kommt es, dass gerade fromme, bibelkundige Christen so hart, so lieblos werden können? Die Antwort liegt in der menschlichen Natur, in unserem gefallenen Herzen. Wir alle tragen den Hang zur Selbstrechtfertigung in uns. Wir alle wollen beweisen, dass wir richtig liegen, dass wir gut sind, dass wir Gott gefallen. Und die Schrift kann, wenn wir sie missbrauchen, zu einem Werkzeug der Selbstrechtfertigung werden. Statt dass sie uns demütig macht vor Gott, macht sie uns stolz vor Menschen. Statt dass sie uns zeigt, wie sehr wir Gnade brauchen, gibt sie uns das Gefühl, wir hätten diese Gnade verdient, weil wir die Wahrheit erkannt haben.

Martin Luther, dessen reformatorische Erkenntnis uns alle prägt, hat diesen Missbrauch der Schrift scharf kritisiert. Er schrieb in seiner Vorrede zum Römerbrief, dass die Schrift nicht dazu da sei, uns in unserem Hochmut zu bestätigen, sondern uns zu Christus zu führen, der allein unsere Gerechtigkeit ist. Luther betonte immer wieder: „Solus Christus“ – Christus allein. Nicht die Heilige Schrift allein als totes Buch, sondern Christus allein, auf den die Schrift hinweist, ist das Zentrum unseres Glaubens.

Die Bibel ist das geschriebene Wort Gottes, gewiss, aber Christus ist das fleischgewordene Wort Gottes, wie Johannes 1, Vers 14 sagt: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“

Gnade und Wahrheit – diese beiden Worte gehören untrennbar zusammen. Manche Christen betonen die Wahrheit so sehr, dass sie die Gnade vergessen. Sie sind wie Richter, die nur das Gesetz kennen, nur den Buchstaben, aber keine Barmherzigkeit. Andere betonen die Gnade so sehr, dass sie die Wahrheit aufgeben. Sie sind wie Ärzte, die den Patienten nicht mehr sagen, dass er krank ist, aus Angst, ihn zu verletzen. Doch Jesus war voller Gnade UND Wahrheit. Er sagte der Ehebrecherin in Johannes 8, Vers 11: „So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.“ Gnade: Ich verdamme dich nicht. Wahrheit: Sündige nicht mehr. Beides gehört zusammen.

Wenn wir die Heilige Schrift lesen und auslegen, müssen wir uns immer fragen: Führt meine Auslegung zu mehr Liebe, zu mehr Demut, zu mehr Christusähnlichkeit? Oder führt sie zu Stolz, zu Härte, zu Spaltung?

Der Apostel Jakobus schreibt in seinem Brief, Kapitel 3, Vers 13 bis 18: „Wer ist weise und klug unter euch? Der zeige mit seinem guten Wandel seine Werke in Sanftmut und Weisheit. Habt ihr aber bittern Neid und Streit in eurem Herzen, so rühmt euch nicht und lügt nicht der Wahrheit zuwider. Das ist nicht die Weisheit, die von oben herabkommt, sondern sie ist irdisch, niedrig und teuflisch. Denn wo Neid und Streit ist, da sind Unordnung und lauter böse Dinge. Die Weisheit aber von oben her ist zuerst lauter, dann friedfertig, gütig, lässt sich etwas sagen, ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch, ohne Heuchelei. Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird gesät in Frieden für die, die Frieden stiften.“

Welche Früchte bringen unsere theologischen Überzeugungen hervor? Frieden oder Streit? Sanftmut oder Härte? Barmherzigkeit oder Rechthaberei? Jakobus sagt uns klar: Wenn unsere „Weisheit“ Neid und Streit hervorbringt, dann ist sie nicht von Gott, sondern irdisch, niedrig, ja sogar teuflisch. Das sind harte Worte, aber sie treffen ins Schwarze. Der Teufel liebt es, wenn Christen sich um Lehrfragen streiten, wenn sie sich gegenseitig verketzern, wenn sie ihre Energie damit verschwenden, zu beweisen, wer rechtgläubiger ist. Denn so wird das Evangelium unter den Teppich gekehrt, und die Welt sieht nur noch streitende Religionsgelehrte, die das Gegenteil dessen leben, was sie predigen.

Jesus hat uns gewarnt, dass die Menschen uns an unseren Früchten erkennen werden. In Matthäus 7, Vers 16 bis 20 sagt er: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“

Wenn unsere Bibelauslegung, unsere theologische Überzeugung schlechte Früchte hervorbringt, wenn sie Spaltung, Lieblosigkeit, Härte produziert, dann müssen wir innehalten und uns fragen: Ist das wirklich der Geist Christi, oder haben wir uns in unserem Eifer verirrt?

Es gibt eine Geschichte aus dem Leben Jesu, die uns hier besonders zu denken geben sollte. In Lukas 9, Verse 51 bis 56, lesen wir: „Als die Tage näher kamen, an denen Jesus in den Himmel zurückkehren sollte, machte er sich entschlossen auf den Weg nach Jerusalem. Er schickte Boten voraus. Diese kamen in ein Dorf in Samarien und wollten eine Unterkunft für ihn vorbereiten. Doch weil Jesus nach Jerusalem ziehen wollte nahm ihn keiner dort auf. Als die beiden Jünger Jakobus und Johannes das hörten, sagten sie zu Jesus: „Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet?“ Doch Jesus drehte sich zu ihnen um und wies sie streng zurecht. Sie übernachteten dann in einem anderen Dorf.

Die Jünger, voller Eifer für Jesus, wollten die Samariter bestrafen, weil sie ihren Herrn nicht aufnahmen. Sie beriefen sich vermutlich sogar auf das Alte Testament, wo Elia Feuer vom Himmel herabrief. Doch Jesus wies sie zurecht. Er war nicht gekommen, um Menschen zu verdammen, sondern um sie zu retten.

Wie oft sind wir wie Jakobus und Johannes, voller frommer Empörung, bereit, „Feuer vom Himmel“ herabzurufen auf jene, die unsere Auslegung nicht teilen, die unseren Weg nicht gehen? Wie oft übersehen wir dabei, dass Jesus uns zurechtweist, dass er uns sagt: Das ist nicht mein Geist, das ist nicht mein Weg?

Der Geist Christi ist ein Geist der Sanftmut, der Demut, der Geduld. Der Apostel Paulus beschreibt in Galater 5, Verse 22 und 23, die Frucht des Geistes: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit; gegen all dies ist das Gesetz nicht.“ Das ist der Maßstab, an dem wir unsere Spiritualität und Bibelauslegung messen müssen. Nicht an der Menge unseres Bibelwissens, nicht an der Präzision unserer Dogmatik, sondern an der Frucht des Geistes in unserem Leben.

Doch wie finden wir den Weg zurück, wenn wir uns in der Liebe zur Schrift mehr als zur Liebe Gottes verirrt haben? Der erste Schritt ist immer die Buße, die Umkehr. Das griechische Wort für Buße, „metanoia“, bedeutet wörtlich „Sinnesänderung“, ein Umdenken. Wir müssen bereit sein, uns selbst ehrlich im Spiegel des Wortes Gottes zu betrachten, nicht nur andere.

Jakobus schreibt in Kapitel 1, Verse 22 bis 25: „Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst. Denn wenn jemand ein Hörer des Worts ist und nicht ein Täter, der gleicht einem Mann, der sein leibliches Angesicht im Spiegel beschaut; denn nachdem er sich beschaut hat, geht er davon und vergisst von Stund an, wie er aussah. Wer aber durchschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei beharrt und ist nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter, der wird selig sein in seinem Tun.“

Die Heilige Schrift selbst ist ein Spiegel, in dem wir unser wahres Gesicht sehen sollen. Doch oft benutzen wir sie als Fernglas, mit dem wir die Fehler anderer beobachten. Wir müssen lernen, die Schrift wieder auf uns selbst anzuwenden, uns selbst prüfen zu lassen, uns selbst korrigieren zu lassen.

Jesus sagt in Matthäus 7, Verse 3 bis 5: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen!, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.“

Das ist eine der schärfsten Aussagen Jesu über Heuchelei. Und es ist bemerkenswert, dass er sie an fromme Menschen richtet, an solche, die anderen helfen wollen, den Splitter zu entfernen, also theologisch zu korrigieren. Jesus sagt nicht, dass wir einander nicht helfen sollen, Fehler zu erkennen. Aber er sagt, dass wir zuerst bei uns selbst anfangen müssen.

Der zweite Schritt ist die Rückkehr zur ersten Liebe. In der Offenbarung des Johannes, Kapitel 2, Verse 2 bis 5, spricht Jesus zu der Gemeinde in Ephesus: „Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine Geduld und weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sind’s nicht, und hast sie als Lügner befunden, und hast Geduld und hast um meines Namens willen die Last getragen und bist nicht müde geworden. Aber ich habe gegen dich, dass du die erste Liebe verlässt. So denke nun daran, wovon du abgefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke!“

Die Gemeinde in Ephesus war theologisch wachsam, sie konnte Irrlehre erkennen, sie war geduldig und fleißig. Doch sie hatte ihre erste Liebe verlassen. Jesus tadelt sie nicht, weil sie die Wahrheit verteidigt hat, sondern weil sie dabei ihr Herz verloren hat. Und er ruft sie zur Umkehr.

Viele von uns kennen diese erste Liebe. Es war die Zeit, als wir Christus zum ersten Mal begegneten, als das Evangelium uns tief berührte, als wir überwältigt waren von der Gnade Gottes, von seiner Liebe, von seiner Vergebung. Damals war die Schrift für uns nicht ein Kampfbuch, sondern ein Liebesbrief. Wir lasen sie mit Tränen in den Augen, voller Dankbarkeit, voller Staunen. Doch im Laufe der Jahre kann sich das ändern. Wir werden gelehrter, sicherer, fester in unseren Überzeugungen. Und unmerklich schleicht sich der Stolz ein, die Härte, die Lieblosigkeit. Wir müssen zurückkehren zu dieser ersten Liebe. Wir müssen wieder lernen, die Schrift mit staunendem Herzen zu lesen, nicht als Experten, sondern als Kinder.

Jesus selbst ruft uns dazu, wieder wie Kinder zu werden, wenn wir das Reich Gottes empfangen wollen. In Matthäus 18, Verse 1 bis 4, lesen wir: „Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist doch der Größte im Himmelreich? Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“

Kinder sind nicht stolz auf ihr Wissen. Sie sind neugierig, offen, demütig. Sie wissen, dass sie noch viel zu lernen haben. Sie vertrauen. Genau diese Haltung brauchen wir im Umgang mit der Schrift und mit unseren Geschwistern im Glauben.

Der dritte Schritt ist die Wiederentdeckung der Gemeinschaft. Wir sind nicht als Einzelkämpfer in den Glauben gerufen, sondern als Glieder am Leib Christi. Paulus schreibt in 1. Korinther 12, Verse 12 bis 27 ausführlich über die Einheit und Vielfalt der Gemeinde. In Vers 25 und 26 heißt es: „damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“

Spaltung ist das Gegenteil von dem, was Gott will. Er will, dass wir füreinander sorgen, dass wir miteinander leiden, dass wir uns miteinander freuen. Doch wie können wir das, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen, wenn wir einander ausstoßen, wenn wir Mauern errichten aus theologischen Differenzen? Natürlich gibt es Irrlehren, die bekämpft werden müssen. Natürlich gibt es fundamentale Wahrheiten des Glaubens, die nicht verhandelbar sind: die Gottheit Christi, seine Auferstehung, die Erlösung allein aus Gnade durch den Glauben.

Doch wie viele unserer Streitigkeiten drehen sich um solche fundamentalen Fragen? Meistens streiten wir über Nebensächlichkeiten, über Auslegungsfragen, über Traditionen, über Formen des Gottesdienstes, über eschatologische Details. Paulus ermahnt die Römer in Kapitel 14, Vers 1 und 3: „Den Schwachen im Glauben nehmt an und verwirrt ihn nicht mit Streitfragen. Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, der richte den nicht, der isst; denn Gott hat ihn angenommen.“ Wenn Gott jemanden angenommen hat, wer sind wir, dass wir ihn richten?

Wie schön und heilsam wäre es, wenn wir in unseren Gemeinden wieder lernen würden, in den wesentlichen Dingen Einheit zu bewahren, in den nebensächlichen Dingen Freiheit zu gewähren und in allem die Liebe walten zu lassen. Dieser alte Grundsatz, der Augustinus zugeschrieben wird, ist heute aktueller denn je: „In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas“In notwendigen Dingen Einheit, in zweifelhaften Freiheit, in allem Liebe.

Die Heilige Schrift ist ein kostbares Geschenk Gottes. Sie ist inspiriert, sie ist wahr, sie ist lebendig und kraftvoll, wie der Hebräerbrief in Kapitel 4, Vers 12 sagt: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“ Die Heilige Schrift ist wie ein zweischneidiges Schwert. Es schneidet in beide Richtungen. Es kann andere treffen, ja, aber es soll zuerst uns selbst treffen, uns selbst richten, uns selbst läutern. Wenn wir die Heilige Schrift nur nach außen richten, als Waffe gegen andere, dann missbrauchen wir sie.

Liebe Geschwister, lasst uns wieder lernen, die Heilige Schrift so zu lesen, wie sie gemeint ist: als Liebesbrief Gottes an uns, als Wegweiser zu Christus, als Quelle der Gnade und nicht des Stolzes. Lasst uns wieder demütig werden vor dem Wort, staunend wie Kinder, dankbar wie Beschenkte, sanftmütig wie Christus. Lasst uns aufhören, die Bibel zu einem Götzen zu machen, zu einem Werkzeug der Selbstrechtfertigung, zu einer Waffe im Glaubenskampf gegen unsere Geschwister.

Stattdessen lasst uns Christus ins Zentrum stellen. Er ist das lebendige Wort, er ist die Wahrheit, er ist der Weg und das Leben. Und er lädt uns ein, zu ihm zu kommen, nicht mit unseren theologischen Abhandlungen, nicht mit unserer perfekten Lehre, sondern mit unseren müden Herzen, unseren Zweifeln, unserer Sehnsucht nach Frieden.

In Matthäus 11, Verse 28 bis 30, sagt Jesus: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“

Sanftmütig und von Herzen demütig. Das ist Christus. Und das sollen auch wir sein, wenn wir ihm nachfolgen wollen. Nicht Rechthaberei, nicht Härte, nicht Stolz auf unsere Erkenntnis, sondern Sanftmut und Demut. Das ist der Weg Jesu, das ist die Art, wie er mit Menschen umgegangen ist: mit Liebe, mit Geduld, mit unendlicher Barmherzigkeit. Ja, er hat auch die Wahrheit gesagt, klar und deutlich. Aber er hat sie immer in Liebe gesagt, immer mit dem Ziel, Menschen zu heilen, nicht zu zerstören.

Möge Gott uns allen die Gnade schenken, dass wir wieder zu dieser Einfachheit des Evangeliums zurückfinden. Möge er unsere Herzen weich machen, wo sie hart geworden sind. Möge er unsere Augen öffnen, wo wir blind geworden sind für die Bedürfnisse unserer Geschwister. Möge er uns lehren, die Schrift wieder mit den Augen der Liebe zu lesen, nicht mit den Augen des Richters. Und möge er uns vor allem davor bewahren, dass wir sein Wort, das uns zum Leben gegeben ist, in ein tödliches Werkzeug der Spaltung verwandeln.

Denn am Ende wird uns Christus nicht fragen, wie viele theologische Debatten wir gewonnen haben, wie präzise unsere Dogmatik war, wie tief unser Bibelwissen. Er wird uns fragen, ob wir geliebt haben. Er wird fragen, ob wir sanftmütig waren, ob wir barmherzig waren, ob wir Frieden gestiftet haben. Und dann wird es darauf ankommen, ob wir in ihm gefunden werden, nicht in unserer eigenen Gerechtigkeit, sondern in seiner Gnade.

So lasst uns denn mutig und zuversichtlich den Weg weitergehen, nicht als perfekte Schriftgelehrte, sondern als geliebte Kinder Gottes, die jeden Tag neu auf seine Gnade angewiesen sind. Lasst uns einander tragen in Liebe, einander vergeben in Geduld, einander dienen in Demut. Und lasst uns nie vergessen: Es geht nicht um unsere Rechtgläubigkeit, sondern um Christus. Nur um Christus. Immer um Christus.

In diesem Sinne möge der Herr euch segnen und behüten. Möge er sein Angesicht leuchten lassen über euch und euch gnädig sein. Möge er sein Angesicht über euch erheben und euch Frieden geben, heute und alle Tage eures Lebens.

Gott befohlen. Pater Berndt