Vor einiger Zeit erzählte mir ein Mann mit leiser, bitterer Stimme: „Sieben Jahre bin ich jetzt schwer krank, aber unser Pfarrer hat mich noch kein einziges Mal besucht.“ Seine Enttäuschung war greifbar. Sie war nicht laut, nicht anklagend – eher müde, resigniert. Einige Wochen später schrieb eine alte Bekannte: „Zu viele sogenannte Christen haben mich verletzt. Sie benehmen sich oft schlechter als mancher Atheist. Die Ausrede, Christen seien auch nur Menschen, kann ich nicht länger hinnehmen. Das Bibellesen habe ich aufgegeben …“
Viele könnten sich hier anschließen. Zu viele haben erlebt, wie Christen achtlos reden, lieblos handeln oder schlicht nicht erscheinen, wenn die Not groß ist. Ja, Christen sind keine besseren Menschen – aber es darf niemals zur Entschuldigung werden. Denn wir tragen einen Namen, der größer ist als wir selbst. Wir sind Repräsentanten Christi auf Erden, lebendige Briefe seines Erbarmens. Und so sollen wir uns auch zeigen und verhalten: nicht als moralische Richter, sondern als Menschen, durch die etwas von seiner Liebe, seiner Treue und seiner Nähe sichtbar wird.
Was antworten wir darauf? Zunächst dies: Wir dürfen nicht ausweichen. Es gibt ein Versagen in der Kirche. Es gibt Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit, Stolz. Es gibt Worte, die verletzen, und Schweigen, das schmerzt. Und ja – wir haben allen Grund, uns zu schämen, wo wir Christus nicht entsprochen haben. Der Apostel Petrus mahnt: „Denn die Zeit ist da, dass das Gericht anfängt an dem Hause Gottes. Wenn aber zuerst an uns, was wird es für ein Ende nehmen mit denen, die dem Evangelium Gottes nicht glauben?“ (1. Petrus 4,17).
Das heißt: Wir beginnen nicht mit der Verteidigung, sondern mit der Buße. Wo wir schuldig geworden sind, dürfen wir nichts beschönigen, sondern müssen uns unter das Licht Christi stellen, das nicht entschuldigt, sondern heilt.
Und doch – bei aller notwendigen Selbstprüfung – müssen wir eines unmissverständlich festhalten: Unser Glaube ruht nicht auf Menschen. Er ruht auf Christus allein. Die Schrift fordert uns nirgends auf, unser Vertrauen auf Pfarrer, Priester oder besonders vorbildliche Gemeindeglieder zu setzen. Im Gegenteil: Der Prophet Jeremia spricht mit erschütternder Klarheit: „Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verläßt und hält Fleisch für seinen Arm und weicht mit seinem Herzen vom HERRN“(Jeremia 17,5). Dieses Wort ist kein Ausdruck von Menschenverachtung, sondern eine nüchterne geistliche Diagnose.
Wer sein Herz an Menschen hängt, als wären sie ein letzter Halt, wird unweigerlich enttäuscht werden – nicht weil Menschen wertlos wären, sondern weil sie niemals tragen können, was nur Christus tragen kann.
Denn selbst der treueste Seelsorger bleibt ein fehlbarer Mensch, und auch die hingebungsvollste Christin trägt ihre eigenen Wunden mit sich. Die Kirche ist nicht die Versammlung der Vollkommenen, sondern die Gemeinschaft derer, die von Gnade leben. Wer in ihr makellose Heilige erwartet, wird unweigerlich enttäuscht werden. Wer aber Menschen sucht, die trotz ihrer Schwachheit an Christus festhalten und aus seiner Barmherzigkeit schöpfen, wird die Wirklichkeit der Kirche besser verstehen – und vielleicht auch ihre Schönheit.
Darum müssen wir uns immer wieder daran erinnern, dass unser Verhalten nicht nebensächlich ist. Die Welt liest das Evangelium oft zuerst an uns – an unseren Worten, an unserer Geduld, an unserer Bereitschaft zu vergeben, an unserer Treue in kleinen Dingen. Wenn wir lieblos handeln, verdunkeln wir das Licht, das uns anvertraut wurde. Wenn wir aber in unserer Schwachheit Christus Raum geben, dann wird sichtbar, dass der Glaube nicht ein menschliches Projekt ist, sondern Gottes Werk. Es ist eine heilige Verantwortung, die wir tragen: nicht uns selbst darzustellen, sondern den, der uns berufen hat.
Denn das Evangelium ruft uns nicht dazu auf, unser Vertrauen auf religiöse Autoritäten oder besonders fromme Menschen zu setzen, sondern auf den Herrn selbst. In der Apostelgeschichte klingt es schlicht und zugleich gewaltig: „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!“ (Apostelgeschichte 16,31). Nicht: Glaube an die Kirche. Nicht: Glaube an die Frömmigkeit der Christen. Sondern: Glaube an den Herrn Jesus. Er allein ist der Grund des Heils, der Fels, der nicht wankt, der einzige, der unser Vertrauen wirklich tragen kann.
Vielleicht liegt ein Teil unserer Enttäuschungen auch in den Erwartungen, die wir selbst hegen. Wenn wir krank werden, erscheint es uns selbstverständlich, dass nun der Pfarrer kommen müsse, dass Christen an unserer Seite stehen sollten. Und ja – das ist richtig, und es ist ihre heilige Verantwortung, Kranke zu besuchen, für sie zu beten und ihnen beizustehen.
Aber zugleich müssen wir uns fragen, ob wir selbst unseren eigenen Ansprüchen gerecht würden. Würde ich den Kranken besuchen? Würde ich mich auf den Weg machen, wenn jemand leidet? Diese Fragen sollen keine Entschuldigung sein, im Gegenteil: Sie sollen uns wachrütteln. Denn die Verantwortung, die wir anderen zuschreiben, ruht auch auf uns. Christus ruft nicht nur die anderen, sondern auch uns, Boten seiner Liebe zu sein.
Es gibt einen Trost, der bleibt: Jesus Christus enttäuscht nicht. Das ist kein frommer Beruhigungssatz, sondern eine durch die Schrift bezeugte Wirklichkeit. Er selbst spricht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“ (Johannes 6,37). Achten wir auf die Weite dieses Wortes: „Wer“ – ohne Einschränkung, ohne Vorbehalt, ohne Bedingungen. Und: „nicht hinausstoßen“ – nicht einmal dann, wenn wir verletzt, verbittert oder innerlich zerrissen vor ihm stehen. Er bindet sich mit ewiger Treue an seine Zusage. Menschen können versagen, Gemeinden können enttäuschen – aber Christus bleibt derselbe, gestern und heute und in Ewigkeit.
Vielleicht liegt hier ein verborgener Kern mancher Enttäuschung: Wir haben – oft unbewusst – von Menschen erwartet, was nur Christus geben kann. Wir haben uns nach bedingungsloser Annahme gesehnt, nach unfehlbarer Treue, nach unerschütterlicher Aufmerksamkeit. Aber das kann kein Mensch leisten. Auch der beste Hirte unter uns bleibt ein Schaf, das selbst der Führung bedarf. Nur einer ist der gute Hirte, von dem geschrieben steht: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe“ (Johannes 10,11). Er hat nicht versäumt, uns zu besuchen. Er ist den Weg bis ans Kreuz gegangen.
Das mindert die Verantwortung der Christen nicht – im Gegenteil. Wer Christus kennt, ist gerufen, seine Liebe widerzuspiegeln. Paulus mahnt uns: „Seid untereinander freundlich und herzlich und vergebet einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus“ (Epheser 4,32). An anderer Stelle heißt es: „Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit“ (Kolosser 3,14). Wo wir das nicht tun, verleugnen wir das Fundament, auf dem wir stehen. Und wo wir schuldig werden, bleibt uns nur der Weg der Umkehr – nicht als Last, sondern als Gnade, die uns zurückführt zu dem, der uns zuerst geliebt hat.
Doch diese Verantwortung geht tiefer, als wir oft wahrhaben wollen. Denn Freundlichkeit, Barmherzigkeit und Vergebung sind keine optionalen Tugenden, sondern sichtbare Zeichen des Evangeliums. Wenn wir hart, ungeduldig oder gleichgültig werden, dann tragen wir ein falsches Zeugnis von dem Herrn, der uns berufen hat. Und wenn wir versagen – was wir alle tun –, dann dürfen wir nicht in Ausreden flüchten, sondern müssen uns neu unter das Kreuz stellen, wo Wahrheit und Gnade einander begegnen. Nur dort wird unser Herz weich, unser Blick klar und unser Dienst glaubwürdig.
Doch für den, der enttäuscht wurde, gilt zugleich ein ernstes und tröstliches Wort: Lass dir den Zugang zu Christus nicht rauben durch das Versagen seiner Nachfolger. Der Feind unserer Seelen freut sich über nichts mehr, als wenn Verletzungen uns vom Wort Gottes wegtreiben. Aber gerade dann brauchen wir dieses Wort am dringendsten. Gerade dann müssen wir hören, was nicht schwankt und nicht zerbricht. „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“ (Hebräer 13,8). Menschen ändern sich, Stimmungen kippen, Treue kann zerbrechen – aber er bleibt. Und wer sich an ihn hält, steht nicht auf Sand, sondern auf Fels.
Und eines dürfen wir dabei nicht übersehen: Damit ein Pfarrer oder ein Christ uns besuchen kann, müssen sie es auch wissen. Niemand – so sehr wir es uns manchmal wünschen – kann in unser Herz sehen oder unsere Not erraten. Menschen sind keine allwissende Instanz. Sie können es nicht „riechen“. Darum gehört zur Gemeinschaft der Heiligen auch der Mut, sich zu öffnen: den Pfarrer zu kontaktieren, um Hilfe zu bitten; einem Bruder oder einer Schwester zu sagen, wie es uns wirklich geht; um Gebet zu bitten, wenn wir selbst kaum noch Worte finden. Das ist keine Schwäche, sondern ein Akt des Glaubens. Denn wer seine Not mitteilt, gibt anderen die Möglichkeit, das zu tun, wozu Christus sie berufen hat: zu trösten, zu tragen, zu beten und beizustehen.
Vielleicht führt uns die Enttäuschung sogar tiefer – weg von einer oberflächlichen Begeisterung für Menschen, hin zu einer gereiften Bindung an den Herrn selbst. Dort, im stillen Vertrauen auf ihn, wird unser Glaube unabhängiger von menschlichem Lob und menschlichem Versagen. Wir lernen, für andere zu beten, statt sie nur zu bewerten. Und wir bitten Gott, uns selbst zu bewahren vor jener Lieblosigkeit, die wir so schmerzlich erfahren haben.
Wenn du von Christen enttäuscht worden bist, dann darfst du das beim Namen nennen. Du darfst klagen. Du darfst weinen. Aber gib Christus nicht auf. Er hat dich nicht aufgegeben. Seine Hände tragen noch immer die Wundmale – auch für dich. Und sein Wort steht fest: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“ (Johannes 6,37).
Der Herr stärke dein Herz. Er heile, was verletzt ist, und ziehe dich neu an sich. Vertraue nicht auf Menschen – vertraue auf ihn. In seiner Treue findest du festen Grund.
Gott befohlen. Pater Berndt
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