Wir leben in einer Zeit der Kategorien, der Schubladen, der Etiketten. Überall wird sortiert, eingeordnet, klassifiziert – und die Kirche macht da keine Ausnahme.

Da gibt es die Liberalen und die Konservativen, die Evangelikalen und die Progressiven, die Bibeltreuen und die Modernen. Jede Gruppe hat ihre eigenen Erkennungsmerkmale, ihre Sprache, ihre Abgrenzungen. Und oft genug wird nicht nur unterschieden, sondern auch gewertet: Die einen gelten als zu lasch, die anderen als zu eng, die einen als zu weltoffen, die anderen als zu fundamentalistisch.

Es wird gemessen, verglichen, beurteilt – und am Ende steht oft nicht Verständnis, sondern Spaltung. Doch wenn wir einen Schritt zurücktreten und die Heilige Schrift befragen, dann müssen wir uns eine ernste Frage stellen: Kennt die Bibel solche Einstufungen überhaupt? Ist das, was wir da tun, biblisch – oder ist es vielleicht etwas ganz anderes, etwas, das dem Geist Christi fremd ist?

Die Antwort, die uns die Heilige Schrift gibt, ist klar und unmissverständlich: Christus kennt keine Etiketten. Er kennt keine Parteien, keine Lager, keine ideologischen Gruppierungen. Was er kennt, sind HerzenHerzen, die ihm nachfolgen oder sich von ihm abwenden, Herzen, die ihn lieben oder ihn verleugnen, Herzen, die in der Wahrheit bleiben oder sich von ihr entfernen.

Die Kategorien, die wir heute verwenden, sind menschliche Konstrukte, geboren aus dem Bedürfnis, Ordnung zu schaffen, Identität zu stiften, sich von anderen abzugrenzen. Aber sie stammen nicht aus dem Evangelium. Und mehr noch: Sie stehen in Gefahr, genau das zu zerstören, was Christus durch sein Blut erkauft hat – die Einheit seiner Gemeinde.

Schauen wir zunächst auf das, was die Heilige Schrift über Spaltungen sagt. Paulus schreibt an die Korinther, die genau in diese Falle geraten waren: Sie hatten begonnen, sich nach Menschen zu ordnen – nach Lehrern, Stilen, Vorlieben. Nicht Christus stand im Mittelpunkt, sondern Persönlichkeiten. Darum ruft Paulus sie mit apostolischer Autorität zur Einheit: Sie sollen „mit einer Stimme“ reden und „keine Spaltungen“ zulassen (1. Korinther 1,10).

Und dann legt er den Finger auf die Wunde: „Ich gehöre zu Paulus“, „Ich zu Apollos“, „Ich zu Kephas“, „Ich zu Christus“ (1. Korinther 1,12). Die Gemeinde zerfiel in Lager, die sich an Menschen banden, als wären diese die Quelle des Heils.

Paulus’ Antwort ist schneidend klar: „Ist Christus etwa zerteilt?“ (1. Korinther 1,13). Mit anderen Worten: Wer sich an Menschen hängt, verliert den Blick für den, dem allein wir gehören. Nicht Paulus wurde für uns gekreuzigt, nicht Apollos, nicht irgendein Lehrer oder Prediger – sondern Christus. Jede Zugehörigkeit, die uns von dieser Mitte wegzieht, ist ein Irrweg.

Und dieses alte Problem begegnet uns heute wieder – besonders in den sozialen Netzwerken. Dort entstehen neue „Lager“, neue „Anhängergruppen“, neue „geistliche Marken“. Nicht selten sind es bestimmte Pastoren oder Prediger, die – oft ungewollt, manchmal aber auch sehr bewusst – indirekt Spaltungen nähren. Man sieht, wie einzelne Stimmen gefeiert werden: „Der spricht endlich die Wahrheit.“ „Der predigt das wahre Evangelium.“ „So und nicht anders, Amen.“

Doch hinter solchen Sätzen steht oft nicht Christus, sondern eine Person. Nicht das Evangelium, sondern ein Stil. Nicht die Heilige Schrift, sondern eine Vorliebe. Und genau hier beginnt die Gefahr: Wenn Menschen zu Bannern werden, wenn Prediger zu Identitätsmarken werden, wenn wir uns an Stimmen hängen, statt an den Hirten aller Hirten – dann wiederholt sich Korinth in unserer Zeit.

Nun könnte man einwenden: Aber müssen wir nicht unterscheiden zwischen rechter und falscher Lehre? Ist es nicht wichtig zu wissen, wer die Heilige Schrift ernst nimmt und wer sie verwässert? Gewiss – und hier müssen wir sorgfältig sein. Die Bibel ruft uns tatsächlich dazu auf, wachsam zu sein, die Geister zu prüfen, an der gesunden Lehre festzuhalten.

Johannes schreibt: „Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt“ (1. Johannes 4,1). Und Paulus ermahnt Timotheus: „Halte dich an das Vorbild der heilsamen Worte, die du von mir gehört hast“ (2. Timotheus 1,13). Aber – und das ist entscheidend – diese Prüfung geschieht nicht anhand von Etiketten, sondern anhand der Heiligen Schrift selbst.

Die Frage ist nicht: Gehört jemand zur liberalen oder konservativen Fraktion? Die Frage ist: Verkündigt er Christus? Bleibt er beim Wort Gottes? Führt seine Lehre zu Jesus oder weg von ihm? Das sind die biblischen Maßstäbe. Und die können wir nicht mit weltlichen Kategorien einfangen.

Denn was bedeutet eigentlich liberal oder konservativ im geistlichen Sinn? Diese Begriffe stammen aus der politischen Sphäre, aus dem 19. Jahrhundert, aus Debatten über Fortschritt und Tradition, über Freiheit und Ordnung. Sie sind weltliche Kategorien, die wir auf die Kirche übertragen haben – und dabei haben wir etwas Entscheidendes verloren: die Fähigkeit, geistlich zu urteilen.

Ein Mensch kann theologisch konservativ sein und dennoch lieblos, rechthaberisch, ohne Erbarmen. Ein anderer kann in manchen Fragen offen sein und dennoch tief in Christus verwurzelt, voller Demut und Gehorsam. Die Etikette sagen uns nichts über das Herz, nichts über die Frucht des Geistes, nichts über die Nachfolge.

Jesus selbst hat uns den wahren Maßstab gegeben: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Matthäus 7,16). Nicht an ihren Bekenntnissen, nicht an ihren theologischen Positionen, nicht an ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe – sondern an ihren Früchten.

Und was sind diese Früchte? Paulus sagt es uns: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit“ (Galater 5,22–23). Wenn ein Mensch diese Frucht trägt, dann ist er in Christus – ganz gleich, welches Etikett man ihm anhängt. Und wenn ein Mensch diese Frucht nicht trägt, dann nützt ihm auch das frömmste Bekenntnis nichts.

Mehr noch: Die Kategorisierung ist nicht nur unnütz, sie ist gefährlich. Sie führt zu Hochmut und Verachtung. Und wir sehen dieses Muster heute in erschreckender Deutlichkeit.

In bestimmten Podcasts und Diskussionen werden selbst die letzten Päpste in solche Schubladen gesteckt: Die einen gelten als „gut“, der andere – besonders Papst Franziskus – wird von manchen so abgewertet, dass man ihm am liebsten nachträglich den Titel aberkennen würde. Und nun wird auch der neue Papst von einigen Christen sofort zwischen „liberal“ und „konservativ“ einsortiert, als ginge es um politische Lager statt um geistliche Verantwortung.

Was für ein gefährliches Spiel, geboren aus viel Hochmut und wenig Furcht des Herrn. Denn wer so urteilt, erhebt sich über Menschen, die Gott selbst in Ämter gestellt hat, und macht sich zum Richter über Herzen, die nur Christus kennt. Solche Rede schafft keine Klarheit, sondern Spaltung; sie nährt nicht die Liebe, sondern die Überheblichkeit; sie führt nicht zu Christus, sondern weg von ihm.

Doch bevor wir über andere urteilen oder über die Spaltungen unserer Zeit klagen, müssen wir uns selbst prüfen. Denn die Gefahr beginnt nicht erst bei großen Bewegungen oder bekannten Predigern, sondern in unseren eigenen Herzen. Wir alle neigen dazu, uns Lager zu suchen, Zugehörigkeiten zu betonen, uns über andere zu erheben und uns selbst im besseren Licht zu sehen. Genau hier setzt die Heilige Schrift an und ruft uns zur Demut, bevor sie uns zur Unterscheidung ruft.

Wer sich zur Gruppe der Bibeltreuen zählt, fühlt sich leicht überlegen – als habe er ein Monopol auf die Wahrheit. Wer sich als progressiv versteht, sieht auf die anderen herab als rückständig, unaufgeklärt. Beide Haltungen sind unchristlich. Denn beide urteilen nach dem Fleisch, nicht nach dem Geist. Beide vergessen, dass wir alle Sünder sind, alle abhängig von Gnade, alle lernend und wachsend.

Paulus schreibt: „Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteilwerden“ (1. Korinther 4,5). Wir sollen nicht richten – das steht Gott allein zu.

Und dennoch: Wir sollen nicht naiv sein. Es gibt Lehren, die eindeutig falsch sind, die Christus verleugnen, die das Evangelium verfälschen. Paulus warnt die Galater: „Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht“ (Galater 1,8). Hier geht es nicht um Etiketten, sondern um die Wahrheit des Evangeliums.

Und diese Wahrheit ist klar: Jesus Christus, der gekreuzigt und auferstanden ist, der Sohn Gottes, der einzige Weg zum Vater. Wer das leugnet, steht nicht mehr im christlichen Glauben – unabhängig davon, welches Etikett er trägt.

Doch wie viele Diskussionen heute drehen sich gar nicht um diese zentralen Fragen! Wie oft streiten wir über Nebensächlichkeiten, über Formen, Stile, Ausdrucksweisen – und vergessen dabei das Wesentliche. Wie oft urteilen wir übereinander, weil der andere anders betet, anders singt, andere Worte gebraucht – und übersehen dabei, dass wir denselben Herrn anbeten. Paulus sagt: „Der eine hält einen Tag für besser als den andern; der andere aber hält alle Tage für gleich. Ein jeder sei seiner Meinung gewiss. […] Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn“ (Römer 14,5.4).

Es gibt Raum für Unterschiede, für verschiedene Formen, für persönliche Überzeugungen – solange Christus in der Mitte bleibt. Was wir brauchen, ist nicht mehr Kategorisierung, sondern mehr Demut, mehr Liebe, mehr Bereitschaft zuzuhören.

Wenn Sie also das nächste Mal versucht sind, einen Mitchristen in eine Schublade zu stecken, dann halten Sie inne. Fragen Sie sich: Gehört er zu Christus? Bekennt er Jesus als Herrn? Trägt er die Frucht des Geistes? Und wenn die Antwort ja ist – dann ist er Ihr Bruder, Ihre Schwester, unabhängig von allen Etiketten.

Und wenn es um die Früchte geht, dann dürfen wir nicht nur auf andere schauen. Dann müssen wir uns alle selbst prüfen, ob wir – ganz gleich, wie wir uns selbst einordnen oder welche Etiketten wir tragen – wirklich nach diesen Früchten leben. Ob in uns Liebe wächst statt Härte, Freude statt Bitterkeit, Friede statt Streitlust, Geduld statt Ungeduld. Denn die Frucht des Geistes ist kein Abzeichen, das wir uns anheften, sondern ein Werk Gottes in uns. Und bevor wir über die Frucht anderer urteilen, ruft uns die Schrift zuerst zur eigenen Umkehr, zur eigenen Demut, zur eigenen Heiligung.

In Christus gibt es nicht liberal und konservativ. Es gibt nur erlöst und geliebt.

Gott befohlen. Pater Berndt