Reformation beginnt bei mir – nicht bei den anderen: Wer den Splitter im Auge des Bruders sieht, übersieht oft den Balken im eigenen. Wer andere wegen ihrer Sünden verurteilt, verurteilt sich selbst, denn er tut im Grunde dasselbe, vielleicht in anderer Form, vielleicht verdeckter, aber nicht weniger schuldig.

Es ist eine Szene, die sich täglich wiederholt: Ein Christ zeigt mit dem Finger auf andere. Auf die laxe Moral der Gesellschaft, auf die Irrwege der Mitchristen, auf die Verfehlungen der Institutionen. Und während der Zeigefinger ausgestreckt ist, bleiben drei Finger auf die eigene Brust gerichtet – unbeachtet, ignoriert, verdrängt. Genau hier setzt die Reformation an, nicht als historisches Ereignis von 1517, sondern als tägliche Umkehr, als lebenslange Buße, als permanente Erneuerung des Herzens vor Gott.

Martin Luther hat es in seiner ersten These an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße (Matthäus‘ 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ Nicht einmalig, nicht gelegentlich, sondern das ganze Leben. Buße ist kein Event, kein Ritual, das man abhakt und dann weitermacht wie zuvor. Buße ist die Grundhaltung des Christen, der weiß: Ich bin Sünder, ich bleibe Sünder, und ich brauche täglich die Gnade Gottes.

Doch wie oft erleben wir das Gegenteil? Wie oft treffen wir auf Christen, die sich in pharisäischer Selbstgerechtigkeit sonnen, die meinen, sie hätten den richtigen Glauben, die richtige Lehre, die richtige Praxis, während alle anderen im Irrtum wandeln?

Jesus selbst hat dieses Phänomen in radikaler Klarheit entlarvt. Im Matthäusevangelium, Kapitel 7, Verse 3 bis 5, sagt er: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.“

Diese Worte sind scharf wie ein Schwert. Jesus verwendet bewusst ein absurdes Bild: Ein Mensch mit einem Balken im Auge will einem anderen einen Splitter entfernen. Die Szene ist geradezu grotesk, fast komisch, wenn sie nicht so tragisch wäre. Denn sie beschreibt die Realität unserer christlichen Gemeinschaften mit erschreckender Präzision. Wir sehen die kleinen Fehler, die Schwächen, die Sünden, die Unvollkommenheiten bei anderen mit scharfem Blick, während wir unsere eigenen, oft viel größeren Verfehlungen nicht wahrnehmen wollen. Wir spielen uns als Richter auf, obwohl wir selbst unter demselben Gericht stehen.

Der Apostel Paulus nimmt diesen Gedanken im Römerbrief auf. In Kapitel 2, Vers 1, schreibt er: „Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.“ Paulus macht deutlich: Das Richten anderer ist nicht nur unnütz, es ist selbstverdammend. Wer richtet, stellt sich über den anderen und vergisst dabei, dass er selbst vor demselben Richterstuhl Gottes steht.

Mehr noch: Wer andere wegen ihrer Sünden verurteilt, verurteilt sich selbst, denn er tut im Grunde dasselbe, vielleicht in anderer Form, vielleicht verdeckter, aber nicht weniger schuldig.

Diese Wahrheit ist unbequem. Sie kratzt an unserem Selbstbild, an unserem Bedürfnis nach moralischer Überlegenheit, an unserer Sehnsucht, auf der richtigen Seite zu stehen. Doch genau hier liegt die befreiende Kraft der Reformation. Luther hat die Kirche seiner Zeit nicht nur wegen des Ablasshandels kritisiert, sondern wegen der grundsätzlichen Haltung, dass man durch eigene Werke, durch äußere Frömmigkeit, durch religiöse Leistungen vor Gott gerecht werden könne. Er hat erkannt: Wir sind simul iustus et peccator, zugleich Gerechte und Sünder. Gerecht allein durch Christus, durch seinen Tod am Kreuz, durch seine Gnade. Und gleichzeitig Sünder, die täglich der Vergebung bedürfen.

Diese Erkenntnis macht demütig. Sie nimmt uns den pharisäischen Hochmut und gibt uns stattdessen eine heilsame Selbsterkenntnis. Im ersten Johannesbrief, Kapitel 1, Vers 8, heißt es: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Wer meint, er habe es geschafft, wer glaubt, er sei angekommen, wer denkt, er müsse nicht mehr umkehren, der hat die Wahrheit des Evangeliums nicht verstanden. Die Wahrheit ist: Wir alle sind auf dem Weg, wir alle stolpern, wir alle brauchen die ausgestreckte Hand Gottes.

Deshalb ist die permanente Reformation nicht nur eine historische Notwendigkeit, sondern eine existenzielle. Ecclesia semper reformanda – die Kirche muss immer reformiert werden. Aber diese Reformation beginnt nicht mit der Institution, nicht mit den anderen, nicht mit denen da draußen. Sie beginnt bei mir. Bei meinem Herzen, meinen Gedanken, meinen Worten, meinen Taten. Luther hat in seinem Kleinen Katechismus zur Beichte geschrieben, dass wir täglich Buße tun sollen für unsere Sünden. Er hat verstanden, dass der christliche Glaube kein Ruhekissen ist, sondern ein tägliches Ringen um Treue, Wahrhaftigkeit und Gehorsam gegenüber Gottes Wort.

Wenn wir also die Kirche, die Institutionen, die Mitchristen kritisieren, dann ist das nicht falsch – aber nur dann, wenn wir zuvor den Balken aus unserem eigenen Auge gezogen haben. Kritik ohne Selbstprüfung ist Pharisäertum. Kritik ohne Demut ist Hochmut. Kritik ohne Liebe ist Zerstörung. Paulus schreibt im Galaterbrief, Kapitel 6, Vers 1: „Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.“ Die Haltung, mit der wir andere zurechtweisen, soll sanftmütig sein, nicht rechthaberisch. Und wir sollen auf uns selbst sehen, denn auch wir können jederzeit fallen und in Sünde verstrickt werden.

Das bedeutet nicht, dass wir schweigen sollen, wenn in der Kirche Ungerechtigkeit geschieht, wenn falsche Lehre verkündigt wird, wenn Menschen in die Irre geführt werden. Im Gegenteil: Prophetische Kritik ist notwendig, sie ist ein Dienst der Liebe. Aber sie muss aus der richtigen Haltung kommen. Sie muss entspringen aus einem Herzen, das selbst unter der Gnade steht, das weiß, dass es ohne Christus verloren wäre, das täglich um Vergebung bittet. Nur dann ist Kritik glaubwürdig, nur dann ist sie heilsam, nur dann baut sie auf, statt zu zerstören.

Jesus selbst war der schärfste Kritiker religiöser Heuchelei. Er hat die Schriftgelehrten und Pharisäer mit harten Worten konfrontiert, hat ihre Doppelmoral entlarvt, ihre Selbstgerechtigkeit bloßgestellt. Im Matthäusevangelium, Kapitel 23, ruft er ihnen zu: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hineinwollen, lasst ihr nicht hineingehen.“ Aber Jesus konnte so reden, weil er selbst ohne Sünde war, weil sein Herz rein war, weil seine Motivation die Rettung der Menschen war, nicht die eigene Erhöhung. Wir hingegen sind nicht sündlos. Deshalb müssen wir vorsichtiger sein, demütiger, barmherziger.

Die Reformation, die Luther angestoßen hat, war im Kern eine Rückkehr zu Christus. Weg von den menschlichen Traditionen, weg von der Werkgerechtigkeit, weg von der Selbsterlösung – hin zu dem, der allein retten kann. „Solus Christus“, Christus allein. Das war der Ruf der Reformation, und das muss auch unser Ruf sein. Wenn wir Christus ins Zentrum stellen, dann relativiert sich alles andere. Dann verlieren wir das Bedürfnis, uns über andere zu erheben. Dann erkennen wir: Wir stehen alle unter demselben Kreuz, wir alle sind Bettler, die um Gnade bitten.

Im Lukasevangelium, Kapitel 18, erzählt Jesus das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner. Der Pharisäer steht im Tempel und betet: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“ Der Zöllner hingegen steht von ferne, wagt nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, und spricht: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Jesus sagt: „Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“

Das ist die umgekehrte Logik des Reiches Gottes. Nicht der Selbstgerechte, der auf seine Leistungen pocht, steht vor Gott gerecht da, sondern der Demütige, der seine Schuld bekennt und um Gnade bittet. Nicht der, der mit dem Finger auf andere zeigt, findet Erhörung, sondern der, der seine eigene Bedürftigkeit erkennt. Diese Wahrheit muss uns immer wieder neu vor Augen geführt werden, denn unser Herz neigt dazu, sich selbst zu täuschen, sich selbst besser darzustellen, als wir sind.

Die Kirche als Institution ist nicht unfehlbar. Sie ist eine Gemeinschaft von Sündern, die auf Gottes Gnade angewiesen sind. Deshalb braucht sie Reformation, immer wieder. Aber diese Reformation darf nicht von einem Geist der Selbstgerechtigkeit getrieben sein, sondern von einem Geist der Demut und Liebe. Paulus schreibt im Epheserbrief, Kapitel 4, Verse 2 und 3: „Mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld, ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens.“ Reformation ohne Liebe ist Rebellion. Reformation ohne Demut ist Spaltung. Reformation ohne Christus ist Ideologie.

Was bedeutet das konkret für unser Leben als Christen? Es bedeutet, dass wir täglich umkehren müssen. Dass wir täglich prüfen, wo wir selbst versagt haben, wo wir lieblos waren, wo wir hochmütig gedacht haben. Es bedeutet, dass wir das Beichtgebet nicht als leere Formel sprechen, sondern als echte Selbstprüfung vor Gott. Luther hat in seiner Auslegung des Vaterunsers betont, dass wir, wenn wir beten „Vergib uns unsere Schuld“, gleichzeitig anerkennen, dass wir Schuld haben, dass wir täglich neu der Vergebung bedürfen.

Die Praxis der täglichen Buße ist keine Last, sondern eine Befreiung. Sie befreit uns vom Zwang, perfekt sein zu müssen. Sie befreit uns von der Angst, entlarvt zu werden. Sie befreit uns von der Heuchelei, ein makelloses Bild von uns aufrechtzuerhalten. Stattdessen dürfen wir ehrlich sein vor Gott und vor den Menschen. Wir dürfen sagen: Ja, ich habe versagt. Ja, ich bin schwach. Ja, ich brauche Hilfe. Ja, ich habe gesündigt. Und genau in dieser Ehrlichkeit liegt die Kraft des Evangeliums.

Denn das Evangelium ist keine Botschaft für die Starken, für die Selbstgerechten, für die, die meinen, sie hätten alles im Griff. Das Evangelium ist eine Botschaft für die Schwachen, die Zerbrochenen, die Versagenden. Jesus selbst sagt im Matthäusevangelium, Kapitel 9, Vers 13: „Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“ Er ist nicht gekommen für die, die meinen, sie bräuchten ihn nicht, sondern für die, die wissen, dass sie ohne ihn verloren sind.

Wenn ich als Lutheraner die Kirche und meine Mitchristen kritisiere, dann tue ich das nicht von oben herab, sondern von derselben Ebene aus. Ich stehe neben ihnen, nicht über ihnen. Ich bin Teil derselben fehlbaren Menschheit, angewiesen auf dieselbe Gnade. Darum ist meine Kritik keine Anklage, sondern ein geschwisterlicher Dienst – ein Hinweis auf Christus und eine Einladung zur gemeinsamen Umkehr.

Die Heilige Schrift fordert uns auf, einander zu ermahnen, aber in Liebe. Im Hebräerbrief, Kapitel 10, Vers 24, heißt es: „Und lasst uns aufeinander achthaben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken.“ Aufeinander achthaben – das bedeutet nicht, den anderen zu kontrollieren oder zu verurteilen, sondern ihm zu helfen, auf dem Weg zu bleiben. Das bedeutet, ihn zu ermutigen, zu trösten, zu korrigieren, wenn nötig, aber immer in dem Bewusstsein, dass auch ich selbst der Ermutigung, des Trostes, der Korrektur bedarf.

Die Reformation ist also nicht nur ein historisches Ereignis, sondern ein geistliches Prinzip, das unser ganzes Leben durchdringen soll. Es ist die Einsicht, dass wir nie fertig sind, dass wir immer Lernende bleiben, dass wir täglich neu auf Gottes Wort hören müssen. Es ist die Bereitschaft, uns selbst in Frage stellen zu lassen, unsere Überzeugungen zu prüfen, unsere Haltungen zu korrigieren. Und vor allem ist es die Zentrierung auf Christus, der allein das Fundament unseres Glaubens ist.

Im ersten Korintherbrief, Kapitel 3, Vers 11, schreibt Paulus: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Alles andere ist verhandelbar, alles andere kann sich verändern, alles andere kann und muss reformiert werden. Aber Christus bleibt. Er ist der Fels, auf dem wir stehen. Er ist die Wahrheit, die uns frei macht. Er ist die Gnade, die uns trägt.

Darum lasst uns täglich umkehren, täglich den Balken aus unserem eigenen Auge ziehen, täglich vor Gottes Angesicht treten mit dem Bekenntnis: Ich bin ein Sünder, ich brauche deine Gnade. Lasst uns kritisch sein gegenüber allem, was nicht mit Gottes Wort übereinstimmt, aber lasst uns dabei nie vergessen, dass wir selbst unter demselben Wort stehen, gerichtet und begnadigt zugleich. Lasst uns mutig sein im Bekenntnis der Wahrheit, aber demütig im Bewusstsein unserer eigenen Schwachheit. Und lasst uns immer wieder neu Christus ins Zentrum stellen, denn er allein ist es würdig, gepriesen zu werden.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Möge er uns die Gnade schenken, täglich neu zu beginnen, täglich umzukehren, täglich in seiner Liebe zu wachsen.

Gott befohlen. Pater Berndt